29.8.07

Jetzt aber mal im Ernst: Kriegt Euch wieder ein!

Blogpause, Schwanzvergleich beenden, Blogosphärendepression beschwören. Und immer mit dem Tenor: Weil es nicht mehr so ist, wie es war und nicht so wurde, wie es hätte werden können.
Als individuelle Begründung: Klar, das kann frustrieren und Frust ist nicht gut. Also besser Schluss machen.
Als Kollektives Geheule: Unverständlich.

Hört endlich auf, die Blogosphäre zu beschwören! Was auch immer Ihr Zuerstgekommenen da so unter Euch gruppengekuschelt oder ganz besonders wüst gepöbelt habt, ist vorbei. Blogs sind, was sie eigentlich waren: Eine bestimmte Form von Publikationssoftware. Aber keine Religion oder Subkultur. Ich weiß nicht, ob es ohne E-Gitarren Punk gegeben hätte. Aber es hat E-Gitarren ohne Punk gegeben, versteht ihr?
So wie man auf E-Gitarren alles mögliche (auch Punk) spielen kann, kann man in Blogs alles mögliche einstellen. Und zwar jeder, der mit der Software umgehen kann. Und die ist leichter zu erlernen als das Gitarrenspiel. Hier liegt der Unterschied zum Punk. Jeder noch so schlechte Punkbandgitarrist musste mehr können als die Bediener der Blogsoftware. Das prädestiniert Blogs zum Massenspielzeug. Und das sind sie. Auch in Deutschland.
Blogdorf ist eine kleine elitäre Clique, die dummerweise Berufsausbildung und Abi gerade hinter sich gebracht hat und auf dem Weg ins Erwachsenendasein feststellen muss, dass da noch andere leben in ihrer Kleinstadt. Und so kommt es zu Reibungen. Der ewige Nörgler nörgelt und es juckt kaum einen mehr. Der Schülersprecher politisiert, hat aber dank seiner "untauglich"-Bescheinigung verpasst, dass die anderen schon beim Bund und im Zivildienst stecken, der Klassenkasper kaspert weiter, es hören aber jetzt vor allem die Mädels aus der Mittelstufe zu. Ist schon mal aufgefallen, dass gerade wieder vor allem Männer über die Blogosphäre weinen?

Solltet ihr unbedingt in Eurer adoleszenten Clique weiter rumhängen wollen, dann macht Euch wenigstens nicht spürbar an der Ehre gekitzelt darüber lustig, dass Euch andere die Relevanz absprechen. Bedenkt man, das Relvanz immer zu irgendwas in Bezug stehen muss, weil die allerwenigsten Sachen für die ganze Welt relevant sind, haben die Anderen in vielen Bereichen recht. Eure Selbstbeschau und das Selbstmitleid interessieren echt keine Sau.
Wobei... doch, sie interessieren. Manche. Sonst hätten die Anderen nicht soviel zwanghafte Lust, die Blogosphäre kleinzureden. Weil sie Euch Heulsusen nämlich ernst nehmen und das Phänomen Blogs auf Euch reduzieren. Weil auch sie so tun, als sei Bloggen eine Bewegung und nicht nur eine Kommunikationstechnik. Blöd nur, dass sich der sogenannte Long Tail und die Mehrheit der Menschen, die immer noch nicht wissen, was Blogs sind nicht für Euch interessieren. So werdet ihr Medienrevoluzzer zum Bestandteil der intermedialen Inzucht: Blogger schreiben über sich und darüber, dass die alten Medien sie nicht verstehen. Die alten Medien schreiben darüber, das Blogger über sich schreiben und die Medien nicht verstehen.
Wow.
Zum Glück trifft das vor allem auf die paar Hansel zu, die jetzt der alten Blogosphäre nachweinen. Schön, dass so viele Blogs sich nicht mit der deutschen Blogosphäre beschäftigen, sondern einfach ins Internet schreiben.

Und ich glaube, die meisten schreiben ins Internet, weil sie wollen, dass jemand ihre Texte liest und ihnen ein Feedback gibt. Und deshalb ist es normal, dass mensch wissen will, wieviele Leser so pro Tag aufschlagen und wieviele Verlinkungen auf das eigene Geschreibe hinweisen. Deshalb ist auch die Idee einer Top-Liste richtig, die versucht aufzuzeigen, welches Blog von wem, wie oft verlinkt und gelesen wird und wer wo wie aktiv kommentiert.
Es ist auch klar, dass das von einigen zwecks Statistikonanie ausgenutzt und manipuliert wird. Und denen muss niemand beim Wichsen helfen wollen, deshalb mein vollstes Verständnis für den, der sagt: Nicht mit den von mir erstellten Statistiken. Aber dass sich weitere Blogger reihenweise über die Wichser aufregen, ist lächerlich. Lasst sie doch. Ein Blick auf deren Seiten wird Euch schnell zeigen, dass sie Luftnummern sind.

Blogs die ich nicht mag, lese ich nicht. Wie Bücher und Zeitungen.
Blogger, die Scheiße bauen, sollten für ihre Scheiße grade stehen. Wie Autofahrer, Politiker, Ladendiebe.
Kommerzblogger sind Kommerzblogger. Mal kreativ, mal öde. Wie Kinowerbung oder Plakate in der Innenstadt. Im Gegensatz zu letzteren kann ich öde Kommerzblogs ignorieren. Und weil das Internet und damit auch Blogs auch mal ausgeschaltet werden kann, ist eine virtuelle Communitiy eben kein 24/7-Gemeinwesen. Was ich nicht will, nehm ich nicht. Diese einfache Regel funktioniert (abgesehen von Suchtverhalten) im Netz wesentlich besser als draussen auf der Straße.

Wenn Du der Meinung bist, Du musst der Welt was mitteilen, dann schreib. Und freu Dich, wenn es gelesen, kommentiert und verlinkt wird. Wenn Du das für Dich zusammenbringst mit Geldverdienen, dann versuch's. Wenn Du keinen Bock mehr hast, dann lass es. Gerne auch mit der ultimativen Erklärung warum. Aber hör auf etwas zu beweinen, was nicht da ist. Blogs sind eine Medienform und kein Mikrokosmos. Wenn Du einen Mikrokosmos brauchst, geh ins Kloster.

Kommentare:

Saint hat gesagt…

Post des Tages! Ach was, der Woche, des Monats, wenn nicht noch mehr.

Danke sehr. Einer musste das ja auch mal so gut in Worte packen.

MC Winkel hat gesagt…

Verdammt Mann, mir aus der Seele.
Ich hätte es nur nicht mit E-Gitarren gemacht und ingesamt auch so nicht hinbekommen - so gesehen: Respekt!

Und nun weitermachen.

Denn eigentlich gibt's nicht Langweiligeres als übers Bloggen zu bloggen.

MC Winkel hat gesagt…

s

westernworld hat gesagt…

das ist die fruchtfolge der popkultur, die fruchtfolge der moderne - so war es immer, so ist es immer.
zentrum und peripherie, elite - early adopters und breite masse.

so war es als aol und compuserve die mailboxen ablösten.

nicht anders war es als das usenet "den bach runter" ging.

oder das www. von unternehmen entdeckt wurde.

oder internet foren von trollplagen heimgesucht wurden, heise r.i.p. btw.

dazwischen in den letzten 40 jahren medien die von angehörigen des arrivierten akademischen mittelstandes bemannt sind, der nicht versteht oder verstehen will was und warum sich was ändert und immer schon den untergang des abendlandes cassandrierte.

es ist dasselbe verhalten das twentysomthing hipster aggressiv auf den umstand reagieren
läßt das jetzt auch vorstadtloser xy ihre geliebte
kultband, klamottenmarke, reisedestination, whatever goutiert.

als 1967 im winter der letzte "echte" hippie seine kutte verbrannte weil es einfach nicht mehr so war wie früher war es genau dasselbe.

grauer natürlich hast du recht, mit allem was du sagst, aber dieses grundmovens von säugetiergesellschaften ist gegen jede form von aufklärung resistent. und das ist auch gut so.
wäre es anders ginge das spiel das wir kultur nennen nur äußerst schleppend weiter.
lehn' dich zurück und genieße das tanzen der buddelschiffe in den stürmen der wassergläser.

auch was ich hier schreibe ist im grunde redundanz zweiter ordnung.
aber manchmal ist mir halt danach, mehr begründung braucht kein blog, kein blogger und auch nicht dieser kommentar.

Björn Grau hat gesagt…

die herren saint und winkel: freut mich, wenn es ihnen hier gefällt.

westernworld: ich glaube aber eben, dass Bloggen viel weniger als alles andere je zur Subkultur taugte, weil es eben "nur" ein Publikationstool als identitätsstiftendens Etwas für die Gemeinde gibt. Im Vergleich zu Hippies' Haschisch, Kutte und Uschi Oberweite oder wie die heißt ein bisserl wenig. Und redundant ist mein Beitrag allemal, weil er natürlich selbst auf das reagiert, was ich als letztlich nichtexistent postuliere. Aber es nervt mich halt latent, dass Leute, deren Schreibe ich gern lese, momentan so eine selbstmitleidige Weinerlichkeit an den Tag legen. Und dieses "Die Blogosphäre ist/war/wird sein" ging mir als Späteinsteiger schon länger auf den Zeiger. JETZT lehn ich mich auch wieder zurück.

westernworld hat gesagt…

ebend, diese verwechslung ist genau der punkt.

exakt der punkt. es ist nur eine evolutionsstufe einer kommunikationstechnischen entwicklung, d'accord.

aber es wird eben anders damit umgegangen, es wird behandelt wie ein stück kultur. es wird mit leidenschaft, identität und anderen gefühlen aufgeladen- so sind menschen halt.

das wollte ich sagen, hab ich vielleicht nicht so gut gemacht.

im weiteren sinne habe ich hierin die gleiche kerbe gehauen.

matze hat gesagt…

richtig. mehr gibt es dazu nicht zu sagen. (außer vielleicht, dass ich, das geb ich hiermit zu, zur "statistikonanie" neige. aber nur im stillen kämmerlein. das ist aber ein anderes thema....)

Jeriko hat gesagt…

Wo darf ich unterschreiben?

pasQualle hat gesagt…

es ist schon verwunderlich, wie der herr in grau es immer wieder schafft die meinung kund zu tun, die ich nicht in der lage bin in worte zu fassen.

Philippp hat gesagt…

Wäre ich religiös und wir Geschwister, würde ich jetzt "Amen, Bruder" sagen.

Jochen Hoff hat gesagt…

Du meinst die nehmen mich im Kloster. Bei den Nonnen. Ich bin mir da nicht so sicher, aber einen versuch wäre es wert.

Natürlich hast du recht. Grundsätzlich. Aber wie Sänger Gesangsvereine gründen, gründen Blogger keine Vereine deren ungeschriebene Satzungen aber umso verbindlicher sind.

Am schönsten aber sind die Sängerfeste. Da wird feste gesungen um Preise und Pokale, aber vor allem wird über dies schrecklichen anderen Sänger gesprochen, die ja eigentlich keine Sänger sind.

Chris hat gesagt…

Da räumt endlich mal einer auf! Recht haste damit. Dein letzter Satz triffts aufn Kopp:

"Blogs sind eine Medienform und kein Mikrokosmos. Wenn Du einen Mikrokosmos brauchst, geh ins Kloster" -Right-!

Liebe Leute:( Ihr wisst hoffentlich wer die "Leute" sind...)

Ihr habt ein Weblog? Und dann wirds auch noch gelesen? Sogar kommentiert? Tja, so ein Elend!!! Eine neue moderne Kommunikationsplatform, die Ihr selbst betreibt? Grau-en-haft! :)

Im Ernst: Es gibt Menschen die sprechen mit sich selbst! Ganz alleine!

Schonmal drüber nachgedacht.... - !? -

Björn Grau hat gesagt…

@ Jochen: Du bist der letzte, den ich mir im Kloster vorstellen kann. ;-) Wär aber auch schade ohne Deinen heiligen Zorn.

Malcolm hat gesagt…

Ist das hier das Feld, in dem ich eingeben kann, dass du mir immerimmer sympathischer wirst?

Und wenn du jetzt noch Namen genannt hättest, hättest du den Award "Balls of Steel" in Gold bekommen. Aber ich denke mir die Namen einfach selber dazu. Ich bin mir sicher, es kämen einige Übereinstimmungen..

Björn Grau hat gesagt…

@malcolm: Danke. Wer braucht bitte Stahleier? Ich will doch Terminator nicht zum Kind. Aber im Ernst: Einzelne rauszugreifen hätte das Bild mindestens so verzerrt wie keine Namen zu nennen. Und OT: haste das Päckchen schon losgeschickt?

Malcolm hat gesagt…

Wie jetzt, das Päckchen? Hast DU etwa das Shirt ersteigert?

Krass! Warum hast du nichts gesagt, dann hätte ich nicht noch soviel Krimskrams reingepackt! Har har!

miss sophie hat gesagt…

Diese Erwiderung macht es deutlich. Blogs sind eine Medienform, deren technischer Aufbau vielleicht/hoffentlich/sicher zu einer Demokratisierung und Dezentralisierung der Informationsverteilung beiträgt. Aber die Diskussionskultur und die persönlichen Eitelkeiten im Umgang mit anderen bleiben die gleichen. Weil wir alle, die wir hinter den Blogs stehen und schreiben, auch nur Menschen irgendwo in diesem Dunstkreis der Gesellschaft sind.

Dieses Hinterhertrauern in Form von "Wir waren mal die Avantgarde im deutschsprachigen Raum. Die Summe der Blogs war überschaubar [wie lange war es das eigentlich wirklich?]. Man kannte sich, mochte sich vielleicht noch nie, aber wir waren alle dieser kleine Kreis."
Es ist schon ok, der eigenen Hoffnung einer anderen, idealeren, humaneren Kommunikationskultur hinterherzutrauern. Die Desillusionierung der eigenen Illusionen ist immer schwer zu verkraften, besonders wenn der Weg des Zynismus nicht eingeschlagen werden möchte. Doch ich als quasi-Jungbloggerin frage mich, wieviel Selbstbeschiss in den wachgehaltenen Erinnerungen mit drin steckt. Wieviel von dem "Früher war alles besser" war wirklich besser? Was an dieser Sicht versperrt den Blick auf die auch weiterhin positiven Entwicklungen im Netz?

Der Rückzug ins Private ist in solch einem Moment und für kurze Zeit ein notwendiger Schritt, um die offenbar krass empfundene Enttäuschung auszupendeln. Doch dort, im Privaten, zu bleiben, wäre das Sinnloseste wo gibt. Es ist wie überall in dieser Welt. Es kann nur darum gehen, seinen eigenen Weg zu finden, einen distanzierten Umgang mit denjenigen zu entwicklen, die einem auf den Zeiger gehen, aber halt eben da sind, und sich mit denen zusammenzuschließen, die die gleichen Vorstellungen haben.

sopran hat gesagt…

Das "Früher-war-alles-besser" trifft ja auch auf das Geschreibe der Jammerer zu. Die schrieben früher auch mal eine gut lesbare Geschichte aus dem Alltag in ihr Blog. Man muss aber oft sehr tief tauchen danach.

Ich stimme Ihnen in allem zu, Herr Grau.

marcel weiß hat gesagt…

Sehr guter, großer Text. Danke! Vor 2 Tagen schrieb ich auch erst auf Twitter: die deutsche blogsoapopera jumped the shark.

soeren onez hat gesagt…

Guter Artikel, der sich mit vielem dekt, was ich zu dieser Relevanzfrage geschrieben habe, auch wenn dieser Artikel reflektierter ist.

Doch in einem Punkt will ich widersprechen, denn es ist einfach falsch. Blogs sind nicht nur eine Publikationssoftware. Der Vergleich mit den Gitarren war schon ganz gut, nur sind Menschen eben kein Punk, auch wenn sse Punks sein können.

Wenn Menschen etwas in einer vielzahl benutzen, entsteht immer etwas mehr, als die reine materielle Substanz, sprich hier nicht nur Publikationssoftware, sondern es entsteht so etwas wie Blogosphäre, auch wenn das nicht als geschlossene Gemeinschaft verstanden werden kann. Aber wir reden ja auch über die Gesellschaft und ich kenn von der nicht sonderlich viele.

Es gibt die Blogosphere(n) und Bloggen ist nicht nur das praktische ins Internet schreiben, denn schon mit dem Feedback wird es zu mehr.

Dem dann aber durch dieses mehr gleich eine Relevanz zuzuschreiben...da folge ich dir in jedem Satz.