4.1.07

Schavanismus

Eigentlich wollte ich nur einen kurzen Kommentar zu einem Post von Albert schreiben. Der Kommentar wurde dann aber so groß, dass er jetzt hier steht:

Wie passen ein vom Bildungsministerium propagiertes Jahr der Geisteswissenschaften zusammen mit dem Ziel der Bildungsminsiterin, mehr Schüler zum Schulabschluss und vor allem zu den technischen Fächer zu führen?
Denn, "[d]as ist eine zwingende Voraussetzung, um am Ende genügend junge Leute für die Bereiche ausbilden und hoch qualifizieren zu können, in denen künftig die Musik spielt.", so Frau Schavan (zitiert nach Alberts Quelle). Was will Frau Ministerin nun? Alles? Nichts? Oder? Eben. Nicht nur wird die Verantwortung für die Ausbildung weiter an die jungen Menschen abgeschoben, gleichzeitig wird auch massiv gegen angeblich unprofitable (was für Profite es alles gibt, wäre ein anderes Thema) Disziplinen und für privatwirtschafts- und industrienahe Ausbildung Politik gemacht.

Damit dabei kulturelle Bildung, historische Verortung (Hilfe, es gibt eine Vergangehheit in Deutschland), selbstbestimmtes Erarbeiten von nicht sofort rekapitalisierbarem Wissen usf. nicht allzu sichtbar den Todesstoß bekommen, kaschieren wir die Vorbereitungen zur Exekution, die metaphorisch zum Konzert wird (siehe Schavan-Zitat oben), mit dem Jahr der Geisteswissenschaften. Das besteht vor allem aus Pr-Blabla und lächerlichen 64 Mio. Euro an Fördergeldern. Die werden auf mehrere Projekte verteilt und über drei Jahre gestreckt, ohne dass eine Anschlussfinanzierung geplant ist. So ist ihre langfristige Wirkung gleich null.
Mit ihren Aussagen zur Schulpolitik zeigt Frau Schavan, dass das Jahr der Geisteswissenschaften nicht ernst zu nehmen ist. Sie setzt auf Technik. Was auch immer damit gemeint sein soll. Im besten Falle werden die Kleinen alle InformatikerInnen und programmieren Open Source Anwendungen. Oder Deutschland sucht weiter nach Ingenieuren, die das entwickeln was woanders billiger produziert wird. dann sind die mit technischen Schulabschluss unterhalb der Zugangsberechtigung für den Ingenieursstudiengang wieder die Gearschten, weil sie als SchlosserInnen (gibt's das noch?), MechatronikerInnen, AnlagenbauerInnen, etc. immer noch keine Jobs in der BRD bekommen. diese Jobs sind dann nämlich immer noch in Asien, wo der Turbokapitalismus so richtig abgeht. Der neokonservative Meinungsjournalismus in den Wirtschaftsredaktionen der großen deutschen Medienhäuser kann dann weiter die Angst vor der gelben Flut schüren und ganz langsam geht ein paranoides Land unter. Wahrscheinlich ist Frau Schavan antideutsch und es hat nur noch keiner gemerkt...

Ok, zum Ende hin wurde es etwas polemisch, aber ich halte diese Verbortheit, mit der hierzulande an veralteten Ausbildungsmodellen festgehalten wird, einfach nur schwer aus. die Menschen, die heute innovative Dinge im technischen Bereich entwickeln, sind fast alle Autodidakten; ein streng reglementiertes Bildungssystem verhilft da nur zum Grundlagenwissen nicht aber zur von Frau Schavan geforderten hohen Qualifikation. Und solange technische Produktion weiter automatisiert wird und gleichzeitig weiter kostenoptimiert wird, braucht sich auch keine deutsche Bildungsministerin ernsthaft Hoffnungen darauf machen, dass sie massenhaft Technikern zu Jobs verhilft.
Klar, zur Zeit werden über 22.000 Ingenieure gesucht. Insgesamt sind die technischen Bereiche seit geraumer Zeit eh wieder im Aufwind, ganz egal ob Maschinenbau oder Zukunftstechnologie. Doch zumindest bei letzterer zweifelt selbst die staatstragende Tagesschau daran, ob sie einen Nutzen für den "gesamtgesellschaftlichen Wohlstand" hat. Selbst wenn die technischen Branchen mehrere zehntausend Arbeitskräfte einstellen; selbst wenn die Erderwärmung dazu beiträgt, dass die Baubranche im Winter niemand mehr entlassen werden muss - Bekommen so vier Millionen Menschen einen Job? Oder sollten nicht auch unsere PolitikerInnen endlich mal damit aufhören, so zu tun (und sei es auch nur implizit), als könnten sie die Vollbeschäftigung wieder einführen, und sich ernsthaft und ehrlich damit auseinandersetzen, dass das industrielle Zeitalter in Europa zu Ende geht.

Besser und effizienter ist es wohl, wir hören auf, uns über die uninnovativen Politiker aufzuregen, und nehmen den Laden selbst in die Hand...

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ey, Abeisbrott

ish habbä Copjuta gelernt inna Schulä un jetz schreibsu, daß ish damitt nish studirn soll? Lesin is voll der kack ey, abba ballan kan ish voll krass. Weissu, deutsche Vagangheit is mir voll scheissegal komm ish aus Kreußberg komm ish weissu,
Was schreibsu üba billdung un so, ish kan PC-Action un Karren klarmachen, was brauchsh sons noch? teshnik rules, kapirsu!

Zveto

albert hat gesagt…

hallo björn,

finde schön, dass ich dich zum post angeregt habe. mir geht es eben auch oft so, dass ich etwas lese und dann selbst dazu was schreiben will.

genau so ist es in der aktuellen politik. es werden irgendwelche events veranstaltet wirkliche reformen durchzusetzen, die vom bürgerwillen ausgehen, traut sich keiner. ich finde, dass das ganze bildungssystem vielmehr dezentralisiert ablaufen sollte. im grunde genommen müsste es jedem ermöglicht werden, individuell handlungsfähig zu blieben. bildungsökonomen wissen schon seit langem um die kluft zwischen dem ausbildungssystem und dem arbeitsmarkt. zur zeit wird diese kluft auf kosten der einzelen individuen toleriert. das problem ist eben, dass es in allmöglichen gesellschaftsdebatten immernoch das prinzip "kontrolle" regiert anstatt "vertrauen". als subjekt ist man immer an irgendwelche systemvorgaben gebunden, auf der anderen seite ist man selbst dazu verdammt, in vielen systemen zu agieren. an dem prinzip "schavanismus" sieht man deutlich, wie das prinzip "kontrolle" mithilfe politischer events aufrechterhalten wird, wie politiker dieser denkrichtung versuchen ihre handlungsfähigkeit glaubhaft zu machen. dabei ist es aus allmöglichen wissenschaftszeigen bekannt, dass das prinzip der selbstorganisation ein geistiger vortstritt ist. selbstorganisation kann aber nur auf vertrauen basieren.

etwas unfrisiert die gedanken aber ich dachte ich schreibs mal auf. gruß albert