29.3.07

Schräg gegenüber im Abteil (Reisenotizen II)

Schlank und einigermaßen groß; nussbraune, lange und nachlässig zusammengebundene Haare; kantige Gesichtszüge, betont durch die Strasssteinbänder, die an ihren Ohrläppchen festgemacht sind; volle Lippen, leicht geschürzt und der blendenden Sonne wegen zugekniffene Augen.
Blaue Regenjacke, verwaschene schwarze Jeans, Stiefel.
Das Baby im Tragegurt auf dem Bauch, das linke Bein auf die Heizung gestellt sitzt sie im Abteil schräg gegenüber. Sie schaut aus dem Fenster. Sie beobachtet ihr müdes Kind, das zeitlupenartig Kopf und Patschehändchen in Mamas Dekolleté vergräbt.
Sie juckt sich an der Nase, kratzt am Kopf, zupft am Ohr, spielt mit der Zunge über die Lippen, fährt mit den Fingern in ihrer Nichtfrisur herum.

Wir steigen am selben Bahnhof aus. Ich helfe ihr, den Kinderwagen aus dem Zug zu wuchten. Ihr Freund wartet mit Blumen.

Kommentare:

lebowski hat gesagt…

liest sich schön. insgesammt zu wenig das gefühl dabei zu sein. gutes ende.

Herman Stein hat gesagt…

Ich glaub, ich weiß jetzt, was Du meinst damit, Du hättest Angst, irgendwann sabbernd rumzulaufen! Ich brauch nur die richtigen Vokabeln zu lesen: nussbraun, lange Haare, volle Lippen, Dekolleté.

Björn Grau hat gesagt…

Sowas meine ich? Wie kommense denn darauf, Herr Stein???




Dir erzähl ich nix mehr, alte Petze!

Herman Stein hat gesagt…

Ich meine da so einen Unterton im Text bemerkt zu haben, der eindeutig sexuell aufgeladen ist. Neben der oben genannten Termini habe ich die Zunge über die Lippen vergessen.
Und am Ende kam ganz klar die Enttäuschung über den sexuellen Kontrahenten durch.

:P

Jedenfalls soll das eine vornehmend männliche Art sein, Körper zu sehen, habe ich kürzlich im Tipp in einem Artikel über Pornos gelesen: einzelne Details und einzelne Bewegungsabläufe sind im Fokus.

Scheiß Literaturwissenschaftler, oder?