22.5.07

Wer Rasen sät, wird Mäher ernten

In Bezug auf die immer mehr an die antisemitischen Verschwörungstheorien nach Art des Protokolls der Weisen von Zion erinnernde Rhetorik der Anti-Islamisten schrieb Arne Hoffmann:

"Vor irgendwelchen Fremden müssen wir schließlich Angst haben."


Angst ist der Treibstoff für den Selbsterhaltungstrieb der Mächtigen.
Dabei geht es gar nicht so sehr um die Angst dieser Menschen selbst. Ich finde es inhaltlich völlig egal, ob Herr Schäuble so drauf ist, wie er drauf ist, weil er Anschlagsopfer ist. Seine Politik darauf zurückzuführen ist unnötig und nahe an der Diskriminierung von Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen. Dieser Reflex greift auch zu kurz:
Otto Schily ist nicht beinahe umgebracht worden und hat eine ähnliche Rhetorik. Frau Merkels Wahlkampfrede, die gerade kursiert (bspw. hier) zeugt vom gleichen Geist, obwohl sich die Kanzlerin bester Gesundheit erfreut.


Es ist die Angst der Masse, die den Treibstoff für den Erhalt und die Sicherung der Macht liefert. Das gilt für die Angst vor Moslems genauso, wie für die Angst vor Juden oder die Angst vor Globalisierungskritikern:

Eine extrem kleine Zahl von verblendeten Menschen muslimischen Glaubens wird derart dämonisiert, dass mensch glauben könnte (und soll), alle Moslems wären Terroristen.
Eine von Christen aus ihren Handwerkszünften ausgeschlossene jüdische Minderheit verdient sich den Unterhalt für ihr über Jahrtausende kaum durch die Staatsmächte geschütztes Leben unter anderem mit Bankgeschäften und ist darin erfolgreich. Ebenso erfolgreich verfängt dann das verängstigende Klischee vom raffgierigen Juden.
Acht Regierungen von Staaten, die sich mittels ihrer Militär- und Wirtschaftsmacht permanent auf aggressivste Weise in das Leben des gesamten Planeten einmischen verstecken sich hinter Hochsicherheitszäunen, Bannmeilen, Marinepatrouillen und zigtausenden Polizisten. Sie bauen ein unglaubliches Gewaltszenario auf und schüren dann bei der trägen Masse der Bevölkerung die Angst vor der kleinen Minderheit an Menschen, die diese acht Staaten und ihr Tun in Frage stellen, indem sie die paar Hanseln, die irgendwo zwischen Autos anzünden (gaaaanz ganz wenige), am Sicherheitszaun rütteln (ganz wenige) und Sitzblockaden (immer noch wenige) den zivilen Ungehorsam planen, zur Gefahr für alle hochstilisieren und sie mit den vielen vielen Kritikern gleichsetzen, die (viel zu) brav auf die Latschdemos gehen und Online-Petitionen unterschreiben.

Drei Vorgänge, die alle unterschiedliche historische und politische Dimensionen haben, sich aber an dem Punkt der Propaganda treffen: Aus den Reihen der Mehrheit heraus schüren einige mächtige eine irrationale Angst gegen Minderheiten, indem ein Aspekt/ eine Teilgruppe dieser Minderheit aufgebauscht, vereinfacht und verfremdet wird, bis alles ganz schlimm wirkt und dann wird dies der gesamten Minderheit übergestülpt.


Besonderen Spaß daran, die aktuellen Angstmachereien der Mächtigen zu multiplizieren hat mal wieder der Springer-Verlag und sein Organ mit den vier dicken Buchstaben. Sie sind beileibe nicht die einzigen, aber die schärfsten.
Mal zerstören sie die öffentliche Reputation eines einzelnen, der dann aber auch schnell für seine Religion stehen könnte (CIA-Opfer El Masri und seine Zündelei im Supermarkt), mal machen sie gleich das ganze Fass auf:
Als vor zwei Wochen alle anderen Medien zumindest ansatzweise die Unverhältnismäßigkeit der Polizeirazzien gegen linke Projekte kritisiert hatten, titelte BILD-Berlin "Berlin in Terrorangst".
Und hatte damit zwar die realen Verhältnisse verkehrt, aber doch entlarvt, um was es bei der ganzen Sache ging.

"Wir haben nichts zu verlieren außer unserer Angst", heißt es bei TonSteineScherben. Wie aber die Angst verlieren?
Solange die anderen lauter schreien als wir, wird das schwer. Da wird jedes angezündete Auto des BILD-Chefredakteurs und jede Sitzblockade, die eigentlich zeigen sollen, dass wir keine Angst haben, den Angstmachern aber Angst machen können, umgedeutet zu einem Anschlag auf das Allgemeinwohl und so die Angst der Masse eher noch verstärkt.

Und dennoch. Ich habe kein Mitleid mit Herrn Diekmann. Er lässt täglich ein Klima der Angst und der Konfrontation schüren, er soll ein solches Klima bekommen. Und selbiges gilt für Merkle, Schäuble und Co.
Und wenn ich meine Wut auf diese Angstmacher wieder im Griff habe, dann denke ich auch wieder darüber nach, wie es konstruktiv möglich sein kann, der Masse die Kaninchenhaltung auszureden.

Kommentare:

Jochen Hoff hat gesagt…

Björn, so ein paar brennende Autos, Farbbeutel und Steine sind nicht Ausdruck des Volkszorns. Wenn der losbricht, werden Laternen mit Seilen verziert. Aber so ein paar vorgetäuschte Sachen, wie bei Straubhaar und Diekmann eignen sich toll den Druck zu erhöhen und dem Volk Angst zu machen.

Heute Diekmanns Auto morgen der Käfig deines Wellensittichs.

Björn Grau hat gesagt…

Jochen, ich wollte auch nie behaupten, dass derartige Aktionen Ausdruck des Volkszorns sind. Im Gegenteil, mir ist sehr bewusst (und ich dachte das auch im Post deutlich gemacht zu haben), dass sie von ganz kleinen Randgruppen begangen werden und dann von den Diskursmächtigen als Beweis für die Notwendigkeit ihrer Amgstmache mißbraucht werden.
Ich weiß, dass soetwas schnell kontraproduktiv werden kann.
Ich weiß, das auf Angstmache mit Angstmache reagieren schnell zu einer sinnlosen Aktionsspirale werden kann.
Aber meine Wut auf die Volksverängstigung durch Diekmann, Schäuble, Merkel und Co. hat in der Aktion eine Stellvertreterbefriedigung gefunden.

Ich wäre froh, wenn ich erfolgreichere Gegenmaßnahmen gegen die Angstpropaganda aus Medien und Politik wüßte, als angezündete Autos.

Ansonsten habe ich keinen Wellensittich und ergo auch keinen Käfig für ihn (und keine derart enge Beziehung zu Konsumgütern, dass mich deren Zerstörung tiefer schmerzen würde).