25.10.07

Aus Polen, statt Karten

Wie froh bin ich, daß ich weg bin! Beste Freunde, was ist das Herz des Menschen! Euch zu verlassen, die ich so liebe, von denen ich unzertrennlich war, und froh zu sein! Ich weiß, Ihr verzeiht mir's.
O was ist der Mensch, daß er über sich klagen darf! Ich will, liebe Freunde, ich verspreche Euch's ich will mich bessern, will nicht mehr ein bißchen Übel, das uns das Schicksal vorlegt, widerkäuen, wie ich's immer getan habe; ich will das Gegenwärtige genießen, und das Vergangene soll mir vergangen sein.

Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen, gleich den bunten Herbsttagen, die ich mit ganzem Herzen genieße. Ich bin allein, und freue mich meines Lebens in dieser Gegend, die für solche Seelen geschaffen ist wie die meine. Ich bin so glücklich, meine Besten, so ganz in dem Gefühle von ruhigem Dasein versunken, daß meine Kunst darunter leidet. Ich könnte jetzt keine Magisterarbeit schreiben, keinen Satz, und bin nie ein größerer Schriftsteller gewesen als in diesen Augenblicken.
Wenn das liebe Tal um mich dampft, und die nachmittägliche Sonne an der Oberfläche der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes noch einmal kratzt, und nur einzelne Strahlen sich in das innere Heiligtum stehlen, ich dann im hohen Grase an den kleinen Sümpfen und Bächen stehe, und weiter im Gestrüpp tausend mannigfaltige Pflanzen mir merkwürdig werden und die Welt um mich her und der Himmel ganz in meiner Seele ruhn wie die Gestalt der Geliebten; dann sehne ich mich oft und denke: ach könntest du das wieder ausdrücken, könntest du dem Blogeintrag das einhauchen, was so voll, so warm in dir lebt!

Ich weiß nicht, ob täuschende Geister um diese Gegend schweben, oder ob die warme himmlische Phantasie in meinem Herzen ist, die mir alles rings umher so paradiesisch macht. Da ist gleich vor dem Orte ein See, an den ich gebannt bin wie der Fischer beim feuchten Weibe. Du gehst am unteren Ende der Altstadt einen Hügel hinauf und dann wieder etwas hinunter und unter der Eisenbahn durch und findest Dich vor einem Gewässer, dass wohl wenig mehr als einen Kilometer lang ist, und in dem sich klarstes Wasser und allerlei Enten und anderes gefiedertes Tier findet. Es vergeht kein Tag, daß ich nicht eine Stunde da sitze.

Ich habe allerlei Bekanntschaft gemacht, Gesellschaft habe ich noch keine gefunden. Ich weiß nicht, was ich Anzügliches für die Menschen haben muß; es mögen mich ihrer so viele und hängen sich an mich, und da tut mir's weh, wenn unser Weg nur eine kleine Strecke miteinander geht. Wenn Ihr fragt, wie die Leute hier sind, muß ich Euch sagen: wie überall! Es ist ein einförmiges Ding um das Menschengeschlecht. Die meisten verarbeiten den größten Teil der Zeit, um zu leben, und das bißchen, das ihnen von Freiheit übrig bleibt, ängstigt sie so, daß sie alle Mittel aufsuchen, um es los zu werden. O Bestimmung des Menschen!

Aber eine recht gute Art Volks! Wenn ich mich manchmal vergesse, manchmal mit ihnen die Freuden genieße, die den Menschen noch gewährt sind, an einem artig besetzten Tisch mit aller Offen- und Treuherzigkeit sich herumzuspaßen, einen Spaziergang, einen Tanz zur rechten Zeit anzuordnen, und dergleichen, das tut eine ganz gute Wirkung auf mich.

Lebt wohl! Der Brief wird Euch recht sein, er ist ganz historisch!

Kommentare:

westernworld hat gesagt…

graubrots polnische reise *schmunzel*

Exilboheme hat gesagt…

Werden Kommentare zu alten Posts in der Blog-Welt nicht gewürdigt? Schlimm, schlimm. Wo steckst Du denn, Du bist doch jetzt Elite!
Herzliche Grüße, Konstanze

Björn Grau hat gesagt…

Liebe Konstanze,

ich bin in Olsztyn, im Nordosten Polens und habe keinen festen Internetanschluss und schreibe meine Magisterarbeit. Ich bin also nicht immer sofort in der Lage und mit der Zeit versehen auf alles einzugehen. Verzeih!
Dein Björn Saryrovic

Und jetzt bin ich wieder weg, ich muss jetzt den Schluss der elenden Arbeit verfassen!

Julia hat gesagt…

Dobrze, Olsztyn, das ist ja fein. Mein Großvater wurde im Landkreis Allenstein, genauer gesagt in Prelowen/Markrauten geboren und sein Vater hatte dort eine Pferdezucht. Ich habe da einen ganz herrlichen, melancholischen Sommer verbracht. Viel Glück bei allen Vorhaben und genieße die Zeit etwas ausserhalb der Zeit (so ist es doch dort, fand ich jedenfalls). Ach, ich habe richtig Lust, auch noch einmal hinzufahren.
Do widzenia und dobranoc, vom Boden - an die masurischen Seen.

Anonym hat gesagt…
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Anonym hat gesagt…
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