27.3.07

Jetzt aber allah mal ganz ruhig bleiben

Lieber Spiegel,

Dein aktuelles (13/2007) Titelbild ist ähnlich paranoid wie die Islamophobie Deines anstrengendsten Mitarbeiters, dem plaktiven Broder.
Das Brandenburger Tor als Symbol für das im Titel als "Mekka" bezeichnete Deutschland steht in dunkler Nacht, die nur von einem umwölkten Halbmond mit fünfzackigem Stern minimal erhellt wird.
Nacht steht ikonographisch ja meist für Negatives. Den umwölkten Mond kennen wir auch aus Horrorfilmen und da ist so eine Umwolkung (die verschleiert, nicht wahr!) auch gern Hinweis auf dräuende Gefahr...
Die Bildsprache Deines Titels spricht eine eindeutige Sprache: Der Islam wird zur Gefahr für Deutschland.
Toll gemacht, Spiegel! Schön Öl ins Feuer schütten und mit die Stimmung anheizen! Super!
Selbst wenn die zugehörigen Artikel im Heft differenzierter sein sollten: Du bringst mit Deinem Titel ein Bild in Umlauf, dass zur Angstmache des Boulevards hervorragend passt.
Gemeinsam schafft Ihr es sicherlich, dass bald wachsame Bürger gläubige Moslems zusammenschlagen. Der Libanese im Gemüseladen gegenüber hat sich den Bart auch schon lang nicht gestutzt? Boykottieren! Oder?

Niemand leugnet den islamistischen Terror. Aber der betrifft durch tägliche Attentate in den muslimischen Ländern vor allem Moslems selbst.
Kaum jemand bestreitet, dass jene Richterin, die vergangene Woche der marokkanisch-deutschen Frau die Verkürzung des Trennungsjahres verwehrte, eine saudoofe Begründung für die Ablehnug des Verkürzungsantrages lieferte (siehe auch (via)).
Wahrscheinlich gibt es sogar in Deutschland immer mehr öffentlich sichtbar gelebten Islam. Aber die freie Religionsausübung ist in Deutschland nun mal als Grundrecht geschützt. Und das aus gutem Grund. Hier diente schon mal eine semitische Religion als Aufhänger für Völkermord (Ja, der Vergleich ist angebracht!).
Nein, der Islam an sich ist nicht gefährlich. Weil es DEN Islam nicht gibt. Es gibt da so viele Glaubensrichtungen, dagegen sieht es bei Christens aus, als ob die sich nie getrennt hätten.

Bei der letzten großen Angstmache in der BRD hast Du, lieber Spiegel, Springer noch nicht assistiert. War ja nicht nötig, hat ja auch so dazu gereicht, dass Polizei und verängstigte Kleinbürger auf die künstlich aufgepushten Feindbilder losgingen.
Damals waren die ersten Opfer zwei Studenten, der eine brav, der andere radikal. Nach dem Tod von Benno Ohnesorg und dem Mordversuch an Rudi Dutschke kamen einige junge Menschen auf die verbohrte Idee, das dieser bürgerlichen Gewalt, deren Opfer die beiden Herrn wurden, nur linksradikale Gewalt entgegenzustellen ist. Die RAF ist auch Produkt einer bürgerlichen Angstmache und deren Gipfeln in Gewalt gegen die APO.

Wenn heute wie damals die Gewalt mit der Angstmache in der Durchschnittsbevölkerung beginnt und aus den Reihen der sogenannten braven Bürger die ersten Angriffe auf Moslems folgen, dann wird in Deutschland der islamistische Terror auf jeden Fall losbrechen.
Und Du, lieber Spiegel, kannst dann wieder drüber berichten. So schafft man sich Themen selber. "Die Geister, die ich rief...", wusste schon der alte Goethe. Aber auf den muss ja niemand hören, der war ja Moslem.

Kommentare:

vonWegen hat gesagt…

Danke! Großartiger Beitrag. Der SPIEGEL hat sie nicht mehr alle!

anne hat gesagt…

ich danke auch und grübele wohl noch eine weile über dieses thema. manipulation allerorten.

lebowski hat gesagt…

oh.
hier werd ich öfter mal reinschaun.

Anonym hat gesagt…

Naive Freaks!

Lest das http://www.politicallyincorrect.de/ und wacht auf. Leute mit eurer laissez-faire Mentalität haben Diktaturen auf der ganzen Welt ermöglicht.

anne hat gesagt…

den letzten kommentar würd ich ja löschen...

Bookbuilding hat gesagt…

http://www.medienkritikonline.com/arnoldcover.JPG
http://abo.spiegel.de/img/cat/_TTL/spissue200208-s.jpg
http://www.depresident.com/gallery/overflow/Der_Spiegel_Bush_Cover.jpg

Der Spiegel kann nicht allzu viel dafür, dass seine User unfähig sind mit ihm umzugehen.

Björn Grau hat gesagt…

Danke für die wohlmeinenden Kommentare und auch fürs Verlinken!

@anne: Wieso löschen? Reagieren werd ich!

@bookbuilding: Ich hab nicht ganz verstanden, was die Cover zu amerikanischen Themen mit dem aktuellen Spiegel zu tun haben. Ok, auch hier werden Vorurteile verbraten. Aber zumindest bei den beiden Bush-Covern ist es eindeutig im Karikatur-Stil, was heuer nicht der Fall ist. Das ist ein immenser Unterschied. Sich-Lustigmachen und Angstmachen sind zwei Paar Stiefel.
Ansonsten denke ich schon, dass jede Veröffentlichung sehr wohl Verantwortung hat für das, was sie in die Welt raushauen.

Zveta hat gesagt…

ich glaube, hier riecht's bräunlich, rgendwie, von oben so ...

Anonym hat gesagt…

Habe ich K. gestern schon gezeigt, ist in diesem Zusammenhang falls noch nicht bekannt auch für dich bestimmt interessant: http://arnehoffmann.blogspot.com/

Gruß
B.

Björn Grau hat gesagt…

Hey B.!
Schön auch mal bei mir was von Dir zu lesen!
Das mit Deinem Blogtip hatte sie mir aber schon gesagt, deshalb verlinke ich ja im Text auch auf arne ;)

Anonym hat gesagt…

"Naive Freaks!
Lest das http://www.politicallyincorrect.de/ und wacht auf. Leute mit eurer laissez-faire Mentalität haben Diktaturen auf der ganzen Welt ermöglicht."

Das war ABWERTEND gegenüber dem SPIEGEL gemeint!!! Selbstverständlich sehe ich das Spiegel-Cover kritisch, ansonsten wäre ich wohl kaum auf dieser Seite gelandet. Es ist wohl kaum darüber hinwegzusehen, dass in der deutschen Medienlandschaft seit geraumer Zeit Hetze gegenüber Moslems betrieben wird. http://www.politicallyincorrect.de/ ist nur eine Blüte des vergifteten Baumes, welche immer mehr Anhänger findet. Das sind Vorzeichen, welche jede anti-demokratische Staatsmacht vor ihrer Machtergreifung zu ihren Gunsten genutzt hat. Wenn wir weiter à la "laissez-faire" nicht dagegen anschreiten, werden wir uns im schlimmsten Fall irgendwann Vorwürfe anhören müssen, wie schon unsere Elterngeneration. Keine Toleranz für Intoleranz!

Björn Grau hat gesagt…

@anonym mit den freaks: ach so. das haben hier dann inkl. mir ein paar menschen falsch verstanden. nichts für ungut!

bookbuilding hat gesagt…

@Björn Grau

Ok, dann eben mal eine ausführliche Sammlung:

http://www.medienkritikonline.com/covers1.JPG

Der Spiegel ist ein Nachrichtenmagazin, welches unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten agieren muss, ergo darf es auf sein Cover drucken was es will, wenn es die Nachfrage anregt und so lange es keinen Straftatbestand verwirklicht.

Und so lange Schlagzeilen wie z.B. http://www.net-tribune.de/article/300307-194.php nicht aufhören, sondern zunehmen, fühle ich mich als Spiegel-Leser durch eben diesen in meinen akuten "Sorgen" ausreichend mit Informationen versorgt. Ebenso wie ich mich, als die oben gezeigten Cover an Aktualität gewannen, zu diesem Zeitpunkt gut informiert fühlte.

Dass bei fast allen Medien eine gewisse politische Tendenz zu erkennen ist, schon alleine wegen dem Tendenzgebot, finde ich normal und verständlich.
Allerdings denke ich, dass der Spiegel noch relativ ausgewogen ist. Jedem steht es frei dies anders zu sehen. Und das tolle an einer Marktwirtschaft ist doch, dass der Konsument die absolute Macht darstellt. Also am besten tut man einem missbilligten Medium dadurch weh, dass man es nicht konsumiert. Diese Vorgehensweise würde ich auch einigen hier ans Herz legen.

Mark hat gesagt…

Komisch, dass Du Dich über so ein Titelbild aufregst. Ich hab ein paar andere Sachen über die ich ich aufrege...
Vielleicht vorab: Meine politische Orientierung würde ich als links-liberale bezeichnen, ich bin in entsprechenden politischen Gruppierungen aktiv und habe gerade deswegen massive Probleme mit diversen sozialen Phänomenen, die in den letzten Jahren vermehrt auftreten.
Ich lebe in einer Stadt mit rund 45 % Migrantenanteil, eine hoher Anteil davon aus der Türkei und dem arabischen Raum, sprich Muslime.
Es ist heute schon fast Normalität, dass in unserer Stadt Frauen (und Männer natürlich auch) zwangsverheiratet werden, dass Mädchen in der Schule, die kein Kopftuch tragen als "Huren" bezeichnet werden und ständigen sexuellen Belästigungen ausgesetzt sind, dass jeder der kritische Worte über so etwas oder über den Islam verliert mindestens verbal, teilweise auch schon körperlich bedroht wird.
Man sieht in der Stadt jedes Jahr mehr Frauen mit Kopftüchern und seit kurzem sogar mit Burkas!!! Niemand kann mir erzählen, dass diese Frauen das aus freiem Willen tragen.
Mädchen werden von der Schule genommen, damit sie keinen Kontakt mit den deutschen "Heiden" haben. Die Einschränkungen im Schulbetrieb, wie man sie aus diversen Artikeln -wie bspw. im Spiegel- kennt, ist hier Alltag. Klassenfahrten, Sportunterricht, Religionsunterricht etc.
Das alles sind natürlich keine islamischen Terroristen, dass sind ganz "normale" rechtsreaktionäre und erzkonservative Muslime. Dagegen ist jeder bibeltreue CSUler ein lupenreiner Liberaler.
Ich hatte vor ein paar Monaten Besuch von türkischen Freunden aus Istanbul. Als die mitbekommen haben, was hier abgeht waren sie entsetzt! Noch mal zum Mitschreiben: Keine Besuch aus einem bayerischen Dorf, nein, muslimische (allerdings aufgeklärte) Türken aus Istanbul. Die haben zu mir wörtich gesagt, sie fassen es nicht, dass wir solchen "Faschisten hier so viel Raum lassen".

Ich könnte das alle noch ewig ausführen. Deshalb noch mal die Frage: Du regst Dich über das Spiegel Titelbild auf?
Vielleicht sollte man mal die Verhältnisse gerade rücken? Ich rege mich darüber auf, dass eine Schulkameradin völlig verängstigt, isoliert und aus Furcht vor Ihrer Familie mit einem Mann verheiratet wurde, den sie nicht kannte, den sie nicht mal annähernd mochte. Sie lebt jetzt in einer lebenslangen kulturell und religiös begründeten Vergewaltigungsehe...

Björn Grau hat gesagt…

@bookbuilding: es ging mir bei diesem Post nicht um eine ideologische Tendenz des Spiegels. Es ging darum, dass das Titelbild in seiner Bildsprache Angst schürt. Das aber ist Propaganda und nicht Argumentieren.
Wenn Propaganda wie bei den Bush-kritischen Heften, deren Titelbilder Du hier anführst, sichtbar satirisch ist und sich damit selbst nicht 100%ig ernst nimmt, dann halte ich das für hinnehmbar. Der hier diskutierte Titel ist aber völlig humorfrei und in seiner Gefahr beschwörenden Bildsprache halte ich ihn für stillos und gefährlich.
Die Möglichkeit der Konsumverweigerung ist ein tolles Argument für den Kapitalismus (bei Deinem Pseudonym hätte ich mir denken können, dass Du hier marktfreundlich argumentierst). Das ist nur leider zu vereinfacht, denn reine Verweigerung ist ziemlich lautlos. Wie der Spiegel und alle anderen Anbieter Werbung betreiben, um ihre Waren loszuwerden, braucht es eben auch Werbung (Verbraucherinformation) für die Argumente gegen den Spiegel oder jede andere Ware auch. Denn zum Kapitalismus gehört nun mal auch die Erkenntnis, dass der, der am lautesten schreit, am meisten verkauft. Und wenn einer lauthals Mist anpreist, dann tut es Not, dies genauso laut zu sagen.

@Mark: Die Verhältnisse, die Du schilderst, sind mir durchaus bewusst. Ich wohne selbst in einem arabisch geprägten Viertel. Das sind durchaus Zustände, die nicht haltbar sind und gegen die mensch einschreiten sollte.
Allerdings gilt es auch hier, die Verhältnismäßigkeit zu wahren. Beispiel Mädchen in gemischtgeschlechtlichen Schulklassen: In Berlin werden pro Schuljahr keine zehn Mädchen von ihren Eltern da rausgezogen. Da ist zwar jede eine zuviel, aber es ist dennoch kein Massenphänomen, nicht mal bei konservativen Moslems.
Und das oben benannte Einschreiten geht meiner Meinung nach nicht, indem pauschal alle Anhänger einer Religion zur potentiellen Gefahr erklärt werden.
Die frauenfeindlichen und demokratiefeindlichen Strömungen innerhalb der muslimischen Gemeinschaft in der BRD werden sicherlich nicht aufgelöst, indem die "wir gegen die"-Argumentationen auch von der Gegenseite angenommen und verschärft werden.
Was Du beschreibst findet innerhalb der muslimischen Gemeinschaft statt (was es nicht besser macht). Der Spiegel und insbesondere Herr Broder tun aber so, als ob schon morgen auch nicht-muslimische Mädchen in Burkas rumlaufen müssten.
Das ist Panikmache und Pauschalisierung. So werden Antihaltungen und Feindbilder aufgebaut. Die wiederum führen dazu, dass es zu keinem Austausch mehr kommt. Damit bekommen wir garantiert keine Burka von unseren Straßen.