5.6.07

Fehlerprotokoll für Randaletouristen

Wer hat am Samstag Steine geworfen, Autos zerstört, Barrikaden angezündet usw.?

Das waren vor allem Hooligans. Vielleicht auch ein paar gut getarnte Nazis und weniger gut getarnte V-Leute. Diese Sorte Randalierer hat keine irgendwie zweckhaften politischen Inhalte transportieren wollen.
Sollten da ernsthaft auch Autonome dabei gewesen sein, die an linksextremen Widerstand gegen G8 oder den Schäuble-Staat gedacht haben, dann sage ich denen:
Ihr habt nichts verstanden.

Der G8-Gipfel will kein multilaterales Diplomatentreffen sein, er inszeniert sich als mediales Großereignis einer selbsternannten Weltregierung.
Gegen diese Weltregierung und ihre Selbstinszenierung muss es auch meiner Meinung nach Widerstand geben. Aber einen, der die jeweils passenden Aussagen transportiert.
Am Samstag sollte es mit der grundsätzlich ziemlich lahmen Form der Latschdemo darum gehen zu zeigen, dass sich eine bunte, international gemischte Masse Menschen unterschiedlichster politischer Provinienz darauf einigen kann, dass sie weder diesen Gipfel noch die Politik der dort vertretenen Regierungen akzeptiert. Am Samstag sollte es nicht darum gehen, den Gipfel zu stören oder zu sabotieren.

Wenn ihr der Auffassung seid, der Staat müsse da getroffen werden, wo er getroffen werden kann, dann seid ihr für ein breites link(sradikal)es Bündnis mit unterschiedlichsten Aktionsformen zu elitär. Und damit genauso assozial wie die G8.
Grundsätzlich ist diese aktive Form von Gewalt, das bewusste in Kauf nehmen von Personenschäden (um es mal euphemistisch zu formulieren) eine extrem chauvinistische Form von Auseinandersetzung. Blödes Mackertum. Und damit ungeeignet für den Kampf um eine Veränderung der Verhältnisse hin zu einer emanzipatorischen und partizipatorischen Gesellschaft.

Brennende Autos können als Barrikade helfen, sich gegen Angriffe zu verteidigen. Wenn linke Wohnprojekte gewaltsam geräumt werden beispielsweise.
Brennende Autos von Chefredakteuren sind zwar nicht gerade dazu geeignet, sich die Solidarität der Massen zu sichern, aber sie zeigen immerhin minimal so etwas wie eine politische Botschaft. Sie zielen gegen die Herrschenden.
In Rostock habt ihr angegriffen. Die Demo wäre nicht geräumt worden und wurde nicht geräumt. Und gebrannt hat eine Familienkutsche.
Zerlegt habt ihr, soweit ich das sehen konnte, weiter zwei Kleinwagen, die wohl eher nicht der herrschenden Klasse gehörten.
Denkt mal darüber nach, wer den zu bekämpfen ist. Lieschen Müller persönlich oder die Verhältnisse?

Wenn morgen die G8-Heinis auf dem Rostocker Flughafen landen, dann wäre es ein politisches Symbol, das Rollfeld zu entern (was nicht klappen wird, schon klar).
Wenn es ab Mittwoch darum geht, diesen abgrenzenden, arroganten und undemokratischen Zaun symbolisch einzunehmen, dann hätte das eine politische Aussagekraft.
Wenn es darum geht, den Gipfel wirklich zu stören, dann mit Blockaden, die sagen: Not in my name.
Wenn es darum geht, die grundrechtverachtenden Demoverbote der letzten Wochen zu missachten, ist das ein Kampf für Freiheit und Selbstbestimmung.
Wenn es darum geht, Versuchsfelder mit genmanipuliertem Getreide zu zerstören, weil dieses Zeug nicht nur unabsehbare Gefahren birgt sondern auch in der Verantwortung der Saatgutkonzerne liegt, die mittels des von den G8-Regierungen unterstützten Pantentrechteschutzes Bauern in Afrika und selbst in Europa de facto versklaven, weil diese nur noch die Saaten der Global Players verwenden können, dann ist das politisch.
Und all das ist nach der Definition unserer Politiker und Gesetze auch Gewalt. Eine Gewalt die kritischere Geister als zivilen Ungehorsam begreifen. Eine Gewalt die da einsetzt, wo unser System nicht mehr demokratisch ist, weil es die Bevölkerung übergeht, unverhältnismäßig einschränkt oder noch direkter schädigt.
Das ist eine Gewalt, die auch zur Auseinandersetzung mit der Staatsmacht führt, aber nicht die Menschen direkt angreift, die die Staatsmacht repräsentieren.
Das ist eine Gewalt, die die Staatsmacht nur verhindern kann, wenn sie uns als Menschen angreift. Und sich so ins moralische Abseits stellt.

Am Samstag habt ihr Euch da hingestellt. Und es allen, die wahrhaften politischen Widerstand in dieser Gipfelwoche leisten wollen noch viel schwerer als zuvor macht.

Ihr seid unsolidarische menschenverachtende Idioten. Danke für den Bärendienst!

Gerade weil ihr den Protest gegen den G8-Gipfel in Misskredit gebracht habt: Jede Sitzblockade auf den Zufahrtswegen zum Gipfel, jede Spontandemo, die diese Woche in der verbotenen Zone rund um den Zaun um Heiligendamm stattfindet, jeder symbolische Angriff auf den Zaun ist umso wichtiger.

Ich fahre wieder an die See. Um politischen Protest zu unterstützen. Um mit politischen Akteuren in Austausch zu treten. Um den motivierenden Feriensozialismus der Camps zu erleben.

Kommentare:

pEtEr hat gesagt…

Bravo!

kfmw hat gesagt…

In der Tat, ein großartiger Beitrag!

Julie Paradise hat gesagt…

.

taxman hat gesagt…

Ein sympatischer Beitrag. Es freut mich zu sehen, dass es noch bunte Blogs gibt.
Einigen Leuten scheint es inzwischen zu entgehen, dass mit Krawallen wie am WE keine Sympathien gesammelt werden können. Ein Großteil der Leute die in Rostock an der "Latschdemo" teilnahmen, sind normal Menschen wie ich und meine Nachbarn. Die fahren dahin um ihre Meinung zu bekunden. Auch wenns nur langweiliges Gelatsche ist. Die wollen dabei sein und gegen den Gipfel und die damit verbundene Politik demonstrieren. Und ja, da gibt es welche, die fahren mit Autos dahin wo auch noch ein Stern drauf ist, die Geldsäcke!
Nur scheint es den steineschmeißenden Hirnis und ihren Freunden zu entgehen, dass eben jene Leute mit Gewalt und brennenden Autos nichts am Hut haben, dass sie sich isolieren und Gemeinsamkeiten einstampfen. Bewirken kann man nur gemeinsam etwas. Aber dafür sind einige wohl blind. Oder ist eben doch nur der Weg das Ziel?

arc hat gesagt…

mir ist klar, dass meine meinung gerade nicht sonderlich populär ist, trotzdem: unabhängig davon, wie mensch zu militanten aktionsformen steht, ist entsolidarisierung a la attac (aber hey, was hat mensch von denen erwartet) das letzte. profilierung auf dem rücken derer, die jetzt ohnehin staatlicher repression ausgesetzt ist, da könnte ich kotzen.