21.6.07

Ich unterstütze das chinesische Regime

Wer von Euch ohne Schuld ist
Ich bin ein schlechter Mensch.
Ich fahre FIAT, obwohl ich weiß, dass dieser Konzern keine rein weiße Weste hat. Ach, nee, falsch. Isch 'abe garr kain Auto.

Es ist viel schlimmer:
Heute habe ich einen Teil meiner Arbeit damit verbracht, für das chinesische Regime zu arbeiten.
Ich arbeite nämlich an einer deutschen Hochschule, die ganz massiv mit chinesischen Universitäten kooperiert. Meine Arbeitgeberin macht dies, weil sie sich auf dem dortigen BildungsMARKT an vorderster Front positionieren will. Kritische Stimmen zur Situation in China gibt es offiziell, wenn überhaupt, nur ganz versteckt und leise.
Ich habe heute für eine im Herbst in Peking stattfindende Veranstaltung angefangen, einen Reader zusammenzustellen. Diese Veranstaltung steht selbstverständlich im Einklang mit den offiziellen Richtlinien der chinesischen Seite.

Warum habe ich mich nicht geweigert? Weil der Export von Bildung aus freiheitlichen Demokratien nur die Reformkräfte im Reich der Mitte befördern kann?
Nein, nicht hauptsächlich.
Ich habe es gemacht, weil ich drum gebeten wurde im Rahmen meines Arbeitsvertrages und dann nicht weiter drüber nachgedacht.

Genauso wurde ich seinerzeit Nutzer verschiedener Yahoo-Services. Ich habe mich vorher leider nicht über deren Geschäftspraktiken informiert.

Meine Amoral geht aber noch viel weiter:
Ich rauche Zigaretten der großen amerikanischen Konzerne, obwohl die systematisch die Folgen des Tabakkonsums verharmlosen und klammheimlich Chemikalien in ihre Kippen packen, die das Zeug noch ungesünder machen. Ich kaufe mitunter Chiquita-Obst, obwohl ich um die Arbeitsbedingungen der ecuadorianischen Erntehelfer weiß. Ich trage zu großen Teilen Kleidung der Marke Esprit und habe diese auch nicht verbrannt, als ich vor kurzem aus dem "Stern" erfuhr, dass deren Klamotten unter anderem in Kinderarbeit hergestellt werden (oder mindestens bis zum "Stern"-Bericht wurden). Ich bevorzuge Barilla-Nudeln und -Kekse, obwohl mir die Verflechtungen dieses Konzerns mit der Rüstungsindustrie bekannt sind. Ich bin immer noch nicht aus der katholischen Kirche ausgetreten. Ich schreibe auf Rechnern, die unter zweifelhaften Bedingungen in Asien produziert werden. Dieses Blog liegt auf einer Google-Plattform. Manchmal trinke ich sogar Coke. Ich bin jahrelang gern und aus Überzeugung FIAT gefahren und würde das sogar wieder machen, wenn es wieder ein Auto sein müsste. Echt jetzt.

Dagegen ist mein persönlicher Müllermilchboykott, mein politisches Engagement, der Einkauf von mehrheitlich regional (oder mindestens unter fair trade-Bedingungen) und ökologisch produzierten Lebensmitteln und die ein oder andere Spende an Hilfsorganisationen oder den Obdachlosenmagazinverkäufer nur ein kleiner Wurf.

Obwohl ich, wie wohl fast alle Kritker der Elche, nicht perfekt bin, kann ich andere auf ihre Ungereimtheiten hinweisen.
Solange ich mich nicht implizit oder explizit als den besseren Menschen darstelle, kann ich sagen, dass ich Yahoo-Werbebanner nicht für die optimalste Visitenkarte der adical-Blogs halte (Ich halte Yahoo-Werbebanner nicht für die optimalste Visitenkarte der adical-Blogs). Ich finde es richtig, den hochgeschätzten Frontmann der Kommerzblogger auf Widersprüche in seiner Argumentation und auf semiperfekte Kommunikationsstrategien hinzuweisen.
Ich muss dann eventuell Gegenwind ertragen. Ich muss mich selbst hinterfragen. Ich werde Alternativen suchen für meine fragwürdigen Allianzen mit dem bösen Kapitalismus (gibt es einen guten?). Am Wochenende lösche ich meinen flickr-Account.

Was aber niemals nicht geht, nichtmal wenn ich selbst moralisch perfekt handeln würde (gibt es ein Richtiges im Falschen?), ist die Kritik persönlich beleidigend oder bedrohend zu gestalten.
Bei lieben Menschen muss ich dann vielleicht mal einen Widerspruch stehen lassen. Ich muss nicht alles gut finden, was eineR so treibt, wenn aber insgesamt ein positives Bild bleibt, dann kann auch in Freundschaft gesagt werden: Das ist jetzt aber eher Scheiße, mein Lieber.
Wenn das Maß an zu kritisierenden Dingen voll ist, dann kann/soll das kommuniziert werden. In der Sache. Und wenn sich dann nix ändert, dann gehe ich.
Aber beleidigt zu sein, weil andere Dinge tun, die mir nicht passen, das ist kindisch. Menschen ändern sich nicht, weil ich das von ihnen verlange. Sie ändern sich, wenn sie das wollen. Da hilft kein Gezeter, kein Beleidigen, kein Drohen.

Menschen mit Brüchen im Charakter sind in der Regel die interessanteren Zeitgenossen. Wahrheitspächter dagegen sind mir zu glatt.

Lieber Johnny, ich lese weiter.

Kommentare:

anne hat gesagt…

pah! jetzt schmeiß ich dich aus meinem feedreader/meiner blogroll/meinem mail-adressbuch/ meinem buddelkasten...

(ich wollt das doch auch mal sagen und so fies tun *grrr*)

(macht aber gar nicht so viel spaß, wie ich dachte *grrr*)

Saint hat gesagt…

Jeder hat die Verantwortung, für seine eigene "Schuld" selber zu tragen, sie abzumessen und sich im besten Fall darüber auch bewusst zu sein. Manche machen Kompromisse, kleine Kompromisse. Andere machen eben große Kompromisse. Darüber zur urteilen, warum genau das ein jemand tut, halte ich für vermessen, weil ich nicht erwarten kann, dass alle nach meiner Wahrheit leben. Das kann ich nicht verlangen. Ich kann Konsequenzen daraus ziehen. Ich kann es auch sein lassen. Dennoch ist es gut, dass man sich darüber austauscht. Gerne auch auf herbe Art. Find ich gut und adical... Nun ja. Wer das haben muss. Es war abzusehen, dass die nicht nur für Bionade werben.

Björn Grau hat gesagt…

Ich hab letztens gehört, dass Bionade im Vertrieb mit Coca-Cola zusammenarbeitet...

XiongShui hat gesagt…

Als Buddhist bin ich mir stets bewusst, das es mir unmöglich ist zu leben, ohne andere Lebewesen zu verletzen. Ob ich will oder nicht. Trotzdem lebe ich und habe Spaß am Leben.

Als Mensch sollte man sich bewusst sein, das es in einer global vernetzten Welt garnicht möglich ist, seine einfachsten Bedürfnisse zu befriedigen, ohne auf die Leistungen anderer angewiesen zu sein.

Unter welchen Bedingungen diese Leistungen erbracht werden, entzieht sich weitgehend unserem Einfluss. Natürlich können wir Dinge, die unter allzu krassen Bedingungen entstanden sind boykottieren. Ob es aber dem achtjährigen Knaben hilft, der auf seine Arbeit angewiesen ist, um zum Lebensunterhalt seiner Familie beizutragen, wenn wir seine Produkte nicht mehr nachfragen, sei dahingestellt. Ich denke eher, nein.

Wenn wir also in dem Bewusstsein leben, daß es andere Wesen gibt, auf deren Kosten wir leben, gewinnen wir wieder Achtung vor der Leistung und werden vielleicht nicht mehr so schnell bereit sein, Dinge zu "verbrauchen". Damit wäre ein großer Schritt hin zu einer besseren Welt getan.

Weltverbesserer, die Patentlösungen für alle Übel der Welt anbieten und aus ihrem Gutmenschentum eine Religion machen, halte ich persönlich für ein weitaus größeres Übel, als jene, die gelegentlich "braune Brause" trinken.

In dem Bewusstsein zu leben, daß die Welt nun einmal unvollkommen ist und sich zu mühen, möglichst wenig zu dieser Unvollkommenheit beizutragen, ist sicher ein ausgezeichneter Ansatz.

Die Nächstenliebe vieler ist eher eine Fernstenliebe und dient ausschließlich dazu, das eigene Gewissen zu beruhigen...

Saint hat gesagt…

Ich hab letztens gehört, dass Bionade im Vertrieb mit Coca-Cola zusammenarbeitet...
So war das nicht gemeint. Darum geht es mir gar nicht. Das solltest Du wissen... Es geht darum, sich seinen Weg zu suchen. Mit allem das, was an Kompromissen dazu nötig erscheint. Oder eben nicht. Denn so betrachtet ist eben keiner frei von Schuld. Absolut keiner. Das sagte ich ja. Aber dennoch gilt es, zu differenzieren.

Björn Grau hat gesagt…

Ich wollte nen Witz machen (wie auch btw der Fonsi-Boykott nicht 100%ig ernst zu nehmen ist)!

Saint hat gesagt…

Achso. Aber ich les den eh nie. Bwuharhar.

Philippp hat gesagt…

Ja. Ich weiß was Du meinst.
Ich habe mir letzte Woche ne Müllermilch gekauft. Dafür fahre ich aber eben auch kein Fiat.

Korrupt hat gesagt…

Das ist ja alles schoen, gut und verzeihbar, aber hey, katholische Kirche, das geht gar nicht. Bjoern, du bist ein schlechter Mensch, und deine Beichterei hilft nun mal gar nichts. Im Gegenteil.

;)