19.8.07

Der Biorhythmus der Anderen

"Ach, das ist gut, dass wenigstens eine in dieser Wohnung arbeitet", sagte der Hauswart zu meiner Mitbewohnerin als sie an einem beliebigen Morgen aus der Haustür trat, um sich auf den Weg ins Büro zu machen.
Sie war Außenhandelskauffrau, frisch ausgelernt und verdiente gering. Ich hörte den Satz, weil ich direkt an der Haustür mein Zimmer hatte und ausnahmnweise schon wach war. Wir waren zu zweit in der Wohnung.

Ich arbeitete als Zeitungsschreiberling, als Verwaltungsangestellter und als Statist am Theater gleichzeitg und kam so auf ungefähr den gleichen Lohn wie meine Mitbewohnerin. Nebenher organiserte ich einmal monatlich eine Lesung für Nachwuchsliteraten und studierte noch ein wenig, während sie spätestens um 17:21 Uhr in unserem Wohnzimmer vor dem Fernseher hing und da den Rest des Tages dank rtlzwei nicht mehr wegzubewegen war. Nur morgens um acht war ich so gut wie nie wach. Und mitunter verließ ich auch an einem Werktag einmal nicht die Wohnung. Ergo arbeitete ich nicht.

Meine geschätzte Kollegin im jetzigen Job ist gerne früh im Büro. Ich nicht. Ganz gleich, ob sie den ganzen Tag am Arbeitsplatz ihrem Privatvergnügen nachgeht oder bis tief in die Nacht auch zuhause noch schuftet: Sie arbeitet auf jeden Fall. Weil sie da ist, wenn andere auch da sind.
Ich komme ins Büro, wenn andere anfangen, an ihren verdienten Feierabend zu denken. Ich stehe deshalb bei den anderen Kollegen unter (immerhin hier scherzhaftem) Verdacht, nicht zu arbeiten. Weiß ja keiner, was ich nach 16:30 Uhr mache, wenn ich garantiert der letzte Arbeitsmohikaner in unser kleinen Welt des öffentlichen Dienstes bin.

Ich kann mich einfach nicht an den Biorhythmus der anderen gewöhnen. Dabei wär es um so vieles einfacher. Den gutbürgerlichen deutschen Arbeitsrhythmus einhalten und kein Schwein würde wissen wollen, was ich den lieben langen Tag so mache. Aber dafür um sechs Unr aufstehen?

Kommentare:

westernworld hat gesagt…

also nach 14 uhr darf mann von mir keine geistesblitze mehr erwarten, deinen rhythmus finde ich jetzt wiederum pervers, zumindest wenn ich mir vorstelle ich sollte so arbeiten.

dem ulrich war das auch zu viel der mühe.

Julie Paradise hat gesagt…

wichtig ist doch: wir haben dich lieb. egal, ob/wann du arbeitest.

Florian hat gesagt…

dieses problem kenne ich nur zu gut. wenn leute, die, wahrscheinlich nur weil sie es nur so kennen, alles was nicht ein 8 bis 5 40-stunden-job ist nicht als arbeit ansehen. auch wenn 60 stunden pro woche freelance projekte mache, mein vater sagt mir jeden tag ich solle mir doch richtige arbeit suchen. damit ich weiß wie das leben ist...

miss sophie hat gesagt…

@florian:
fürchterlich. in jedem fall. ich habe als studentenjob lange jahre in einer tk-bude die verwaltung und buchhaltung gemacht. also tatsache berufserfahrung gesammelt, wie es so schön heißt.
und dann sagt meine mutter eines tages zu mir (in bezug auf probleme mit chef und kollegen): ja ja, wenn du dann auch mal im berufsleben stehst...
auf mein "mhm, interessant. und was denkst du, habe ich die letzten jahre so gemacht?" blieb ihr dann nur ein "äh, naja, du weißt schon" im halse stecken.

sich dann darauf zu besinnen, dass man genug geld verdient, um miete, essen und rechnungen zu bezahlen, ist bei den eigenen eltern sicher am schwierigsten. und so sehr man die eltern doch an seinem leben teilhaben lassen möchte, manchmal ist ein "wir reden da nicht mehr drüber und gut ist" am beruhigendsten für beide seiten.

Björn Grau hat gesagt…

julie: da hast jetzt du wieder recht.