7.9.07

Guter Terror

Warum gab es aus "linken Kreisen" kein Mitgefühl für die Opfer des RAF-Terrors fragte Anne Siemens vergangenen Samstag in der taz. Die Autorin des Buchs "Für die RAF war er das System, für mich der Vater: Die andere Geschichte des deutschen Terrorismus." endeckt dabei ein Ungleichgewicht:

"Rechtsradikalen Tätern und denen, die Solidarität mit ihnen üben, heimlich oder unverblümt, ließe man derlei nicht durchgehen. Im Gegenteil: So mancher, der heute noch betroffenheitsselig die Anfänge der RAF in der Öffentlichkeit zu erklären versucht, würde vor Empörung aufschreien, begegnete man Opfern rechtsradikaler Taten mit solcher Kälte."
Genau in diesem Unterschied liegt dann auch ein Grund dafür, dass sich so wenig für die Opfer der RAF interessiert wird:
Weil sich rechts- und linksradikal eben nicht gleichen. Weil rechtsradikale Ideologie menschenfeindlich ist. Weil sie das Heil für die völkische Minderheit propagiert in der Bekämpfung oder gar Vernichtung der angeblichen Volksfeinde. Linksradikale Ideologie dagegen hat ein humanistisches Ziel. Am Ende soll es allen gut gehen, ganz gleich welcher Nation oder Schicht mensch angehört. Dazu muss aber erstmal die Masse aus der Herrschaft des Kapitals befreit werden. Leider hat das Kapital bisher nicht freiwillig kapituliert, was manche als Grund ansahen, in den Krieg ziehen zu müssen.
Solange ich annehme, die RAF hatte wirklich irgendwie doch grundsätzlich vor, eine linke Revolution herbeizuschießen, glaube ich an den guten Kern der bösen Sache. Den hat rechtsradikales Gedankengut nicht. Solange ich daran glaube, dass der Kampf zwischen der Masse und der herrschenden Elite ausgefochten werden muss, sind die Vertreter der Herrschaft und all ihre Schergen zu bekämpfen. Großkapitalisten, Altnazis, Soldaten des imperialistischen Großen Bruders USA, Polizisten der kapitalistischen BRD (durchwirkt von alten NS-Seilschaften und treu an der Seite der Imperialisten...): Alle Gegner. Alle Vertreter dessen, was weg muss auf dem Weg zur Revolution.
Das Paradox, etwas Humanistisches mit inhumanen Mitteln zu erstreiten, sahen wohl einige als von den Verhältnissen aufgedrückt an. Andere als notwendiges Übel. Wieder andere fanden das von Anfang an falsch, konnten sich aber nicht vom Druck der gemeinsamen revolutionären Sache befreien. Das kling zu abstrakt? Genauso aber ist es. Wer gegen ein System vorgehen will, denkt abstrakt. Da haben wir meiner Meinung nach den zweiten Grund für das fehlende Mitgefühl für die Opfer. Neben dem angeblich humanistischen Kern des Terrors liegt die große Abstraktionsnotwendigkeit linker Ideologie. Wer die Welt revolutionieren will, braucht eine allumfassende Theorie. Die kann sich nicht mit Einzelnen auseinadersetzen. Und wenn die Einzelnen nach der Revolution alle gleich sein sollen, hat sie diese Auseinandersetzung auch nicht nötig.
Seit gestern glaube ich an einen dritten Grund: Selbst bei den Musteruntertanen aus Deutschland herrscht das Gefühl vor, "denen da oben" und ihren Helfern ausgeliefert zu sein. Der kleine Mann und damit die Masse hat kein Mitleid mit "denen da oben". Gestern Abend lief auf dem Weg aus dem Fußballstadion ein betrunkener älterer Herr vor mir her. Sein üblicher Nachhauseweg war von Polizisten abgesperrt, weil sie Heim- und Gästefans auseinanderhalten wollten. Der ältere Herr pöbelte, nachdem die Polizei ihn nicht durchlassen wollte: "Bald ist wieder elfter September! Wird Zeit, dass die euch mal wegbomben!"

Es ist sicher kein Trost für die Angehörigen der RAF-Opfer. Aber ihre ermordeten Verwandten standen aus für viele frustrierte deutsche Michel tendenziell auf der Seite derer, die sie täglich verarschten - Politiker, Bosse, Ordnungsmacht. Und aus linker Sicht tendenziell auf der falschen Seite im Kampf Gut gegen Böse. Die Opfer waren dabei vor allem Teil des Systems und nicht der eigene Vater, auch für Linke, die sich nicht als Sympathisanten verstanden. Solange ich den RAF-Terror auch nur ansatzweise als politische Aktion verstehe, ist Mitgefühl für die Opfer schwer. Selbst wenn ich die Taten der RAF ablehne, solange ich mich in meiner Vorstellung oder real im Klassenkampf befinde, werde ich mich für den toten Klassenfeind nicht interessieren. Es gibt eine ideologisch begründete Logik, warum "linke Kreise" kein Mitgefühl für die Opfer der RAF entwickeln.
Und es hat etwas mit unser aller Faible für David gegen Goliath-Situationen zu tun. Oder warum werden keine Filme gedreht, in denen Robin Hood und seine Jungs als die Bösen dargestellt werden? Warum ist "der Pate" als tragische Familiengeschichte angelegt und nicht als Copfilm? Weil das gute Wollen das böse Tun überstrahlt. Selbst wenn es sich eigentlich schon lange als leere Hülle erwiesen hat.

Kommentare:

Jochen Hoff hat gesagt…

Hans Martin Schleyer, SS-Mann, Menschenverächter, Lohndrücker versammelte auf sich so ziemlich alle hassenswerten Eigenschaften die ein Mensch haben kann. Es gab wie ich glaube mehr Leute die gehofft haben, das die Regierung nicht nachgibt, als umgekehrt.

Das Verbrechen war die Ermordung der Polizisten und des Fahrers bei der Entführung. Sie hätte deshalb nicht stattfinden dürfen, weil jeder Kollateralschaden zuviel ist und Menschen kein Kollateralschaden sind.

Schleyer selbst war übrig. Genau wie Buback, der sich voll hatte einwickeln lassen und nicht mehr ermittelte sondern verurteilte, wie die bis heute bekannt gewordenen Irrtümer zeigen.

Zielgenau einen Verantwortlichen zu eleminieren wäre die Kunst. Die Verantwortlichen müssen wissen, das sie die Gefahr die sie für andere bedeuten, auch für sich selber sehen müssen. Aber wenn neben dem Verantwortlichen noch andere gefährdet werden, geht eben gar nichts.

Wir sind heute weiter, als die RAF und wir das damals waren. Da es in der Politik keine Unterstützung mehr für die Menschen in diesem Land gibt, macht es keinen Sinn mehr Einzelne abstrafen zu wollen.

Wir können heute nur das ganze System ändern oder weggehen.

René hat gesagt…

>Es gibt eine ideologisch begründete Logik, warum "linke Kreise" kein Mitgefühl für die Opfer der RAF entwickeln.

Ja. Kriegslogik. Die gibt es links wie rechts und beidesmal ist sie falsch. Viel falscher geht es nicht.

>Weil das gute Wollen das böse Tun überstrahlt.

Lies den Satz bitte ein paar mal laut vor und sag mir dann immer noch, dass er richtig ist.

Call me Hippie, aber ich verabscheue Gewalt und zwar gegen wen auch immer. Die Motive sind mir da nicht nur relativ sondern kompletto schnurz.

Björn Grau hat gesagt…

rené: die logik ist aber eben auch die der (scheinbar) guten Ziele. Und die ist links gegeben, rechts nicht. Zum guten Wollen: Um diesen Satz herum stehen ein paar andere, die zeigen, dass er auf die RAF bezogen nicht richtig und allgemein gesprochen sehr problematisch ist.
Aber zugegeben, mir fällt es einigermaßen schwer, Hippie zu sein.

René hat gesagt…

Mir fällt Hippietum auch schwer.

Ich sehe durchaus, dass die RAF in ihrer ideologischen Verblendung den „Amtsträger“ killen wollten und den Menschen dahinter nicht sahen, nur ist leider ein Gesellschaftssystem grundsätzlich mit dem Menschen an sich verknüpft. Mit wem denn sonst? Diese Verknüpfung „abstrakt“ beiseite zu wischen ist zutiefst unmenschlich.

Nach diesem Modell könnte nur eine totale Anarchie als ultimatives System gelten. Was den Menschen und die Gesellschaft auf den Status eines Neanderthalers zurückwerfen würde. Romantisch, klar. Rational aber ein Irrsinn.

Weil wir dann das Recht des Stärkeren installieren würden, so wie es ein ultrakapitalistisches System ebenso wäre. Da haben Kapitalismus und Anarchismus durchaus etwas gemein. Und nein: wir haben (noch) kein ultrakapitalistisches System. Sondern ein demokratisches.

Sorry, es gibt weder für linke noch für rechte Gewaltakte irgendeine Entschuldigung. Und genau da fällt es mir leicht, Hippie zu sein.

Ich finde es wirklich sehr gut, dass Du die Denkweise der (extremen?) Linke transparent macht. Ich weiß aber auch, dass der Abstraktionsgrad dieser Denkweise den Menschen zum Objekt genau der gleichen Mechanismen verkommen lässt, die sie bekämpfen will.

In diesem Stadium gibt es nur Gut und Böse, schwarz oder weiß, die allzumenschlichen Graustufen werden bei dieser Denke komplett ausgeblendet.

Das Leben ist bunter als schwarz und weiß. Das System auch. Abstraktion hilft nicht weiter. Linker Neoliberalismus aber auch nicht.

Und ich weiß auch nicht, worauf ich mit diesem Kommentar hinaus will. Ich weiß nur eins: wenn man Menschenleben abstrahiert, kann man auch gleich mobben.

Der Mechanismus ist der gleiche.

René hat gesagt…

Ich gehe noch weiter: die Verküpfung von Amt und Mensch „abstrakt“ beiseite zu wischen, um ihn umzubringen, ist genauso rassistisch, wie einem scharzen Menschen den Schädel einzuhauen, weil er schwarz ist.

Die Gewalt der RAF als rassistischer Akt. Auch mal ne ganz neue Sichtweise...

Hmmm...

Ich danke dir jedenfalls für den Denkanstoß. Echt!

Saint hat gesagt…

Boah, Du haust hier wieder harten Tobak raus. Meine Fresse.

Die Nummer ist eine derartig komplizierte Kiste, dass egal, wieviel man dazu schreibt, man nie auf eine Essenz kommen wird, kommen kann. Zumindest ich nicht.

Es ist, wie so oft, von beiden Seiten der Medallie zu betrachten. Auf einer Seite, ganz klar, die persönlichen Befindlichkeiten der Opfer, oder eben der Angehörigen. Das kann man in keinem Falle ausblenden. Selsbt dann nicht, wenn man die Verhältnissmäßigketen am 2. Weltkrieg misst, was ja damals gerne getan wurde. Persönlicher Verlust von Menschenleben zieht zwangsläufig Trauer, Wut und auch das Unverständniss des Pöbels nach sich. Kein Problem für den, den es nicht persönlich betrifft, aber um so mehr für denjenigen, der seinen Angehörigen verliert. Punkte im gesellschaftlichen Rahmen kann man damit nicht sammeln. Zumindest nicht dann, wenn man der Art rigeros vorgeht, wie die RAF es damals zu Tun versucht hat. Es ging gar nicht darum, was die Linke davon halten könnte, denn die Linke macht nunmal keine Revolution ohne einen festen, gesellschaftlichen Background zu haben. Das haben die einfach ausgeblendet damals, nachdem sie nach Südamerika geschielt haben. Man dachte wohl, es reiche eine Revolution, die von den Linken ausgeht. Nur, wer hat sich den angemasst darüber zu entscheiden, was der Rest wollte. Eben die, die nicht zu den Linken zu zählen waren. Wollte man die später bekehren? Wollte man die dann zu einer Denke drängen, oder gar nötigen? Dafür gab es keinen Plan.
Man legte seinen Willen, seine Denke, sein Missgefallen über den Rest derer, die die gewollten und auch - keine Frage - visionären Ideen, ja, Ideologien in der endgültigen Konsequenz hätten mittragen sollen, gar müssen. Man generierte sich als Fürsprecher all jener, die ganz andere Dinge im Kopf hatten und meinte damit die Wahrheit zu treffen. Nur fragte man sie vorher nicht. Man entschied für sie. Im Rückblick genau das machend, was man ja eigentlich ablehnte. Über die Köpfe jener entscheident, für die man sich vornahm zu sprechen, zu handeln. Man suchte sich Peergroups und lamentierte mit denen. das sollte reichen. Dem Rest wollte man erst ins Auge sehen, wenn das alles vorüber sei. Obwohl ich mir nicht vortsellen kann, das wirklich jemand der RAF´ler soweit gedacht hat, was denn wohl passieren könnte, wenn man die Nummer mit all seinen Zielen und Ideen wirklich hätte umsetzen können. Ich glaube, dass war die größte Lücke, die zu füllen keiner vermocht hätte. Ausser Ulrike Meinhof vieleicht. Nur die wollte man ja eigentlich recht bald nicht mehr.

Ich meine; wo sollte es eigentlich hingehen? Die Theoretische Denke dessen ist mir durchaus bekannt, aber wie wollte man das denn bitte umsetzen? Wer hat denn an sowas gedacht? Der Dandy Baader? Wohl kaum.

Daran hängt doch alles. Was sollte die Perspektive, die Alternative sein. Die Theoretika, aus den Strategiepapieren? das hat doch keine Sau verstanden, von denen, für die man zu sprechen sich vornahm. Ich hab das gelesen. Ich hab das alles hier und ich weiß, dass Frau Meier Schulze damit hätte nichts anfangen können. Noch so ein Trugschluss der Protagonisten. Es kommt mir heute mitunter so vor, als ob man hätte das erst dann klären wollen, wenn es denn soweit gewesen wäre, die erklären zu müssen. Denen erklären zu müssen, für die man nun - im Falle des vermeintlichen "Erfolgs" seiner Sache - die Verantwortung zu tragen hätte. Eben für die Herde der Schafe, um mal mit Nietzsche zu sprechen, der Baader ja nicht fern lag.

das war wohl der größte Trugschluss in dem ganzen Wahnsinn, der durchaus und zweifelsohne erstrebenswerte Ziele hatte. Man hat den Rest außerhalb der Linken einfach nicht mitnehmen wollen. Oder einfach nicht an die gedacht, in der Hoffnung, dass die dem von ganz allein Folge leisten werden, weil man ja nur ihr Bestes wollte. Und das wollte man ganz sicher. Ohne jede Frage und ohne jeden Widerspruch.

Man hat erst geschossen und hätte später all das konsequent durchdenken wollen. Quasi im Zwang der neu gewonnenen Situation. Dabei hätte man erst in jeder erdenklichen Konsequenz alles durchdenken sollen und dann, von mir aus, auch schiessen sollen.

Anders als beim René fällt es mir nicht schwer Hippie zu sein. Im Gegenteil; ich bin nunmal einer. Aber mein hipporesker Pazifismus hat Grenzen. Wenn man in einem System lebt, dass Gewalt anwendet um seiner Herrschaft Herr zu werden, hat man als Beherrschter auch das Recht Gewalt anzuwenden, um sich dagegen zu wehren. Ganz klar und ohne Einschränkung. Man hätte mit dieser Auffasung durchaus auch Dinge verhindern können, die die duetsche Geschichte heute so hässlich erscheinen lässt. Ich kann Niemanden friedlich stürzen, desen Herrschaft auf Gewalt beruht.

Revolution ohne Gewalt ist meines Erachtens nicht machbar. Nur man brauch dann einen Weg, den alle zu laufen bereit sind, die diesen Weg nehmen sollen. Genau das wurde verpennt damals.


Ich hoffe, ich habe Dein Thema nicht all zu sehr verfehlt, aber ich musste das mal eben loswerden.

Du traust Dich aber auch an Sachen. Meine Fresse. ;)

XiongShui hat gesagt…

„Der Zweck heiligt die Mittel“ ist ein oft falsch gebrauchtes Zitat.