5.9.07

RAF-Wahn

Eine nüchterne Demontage des RAF-Mythos' erbrachte Stefan Reinecke vor einigen Tagen in der taz. besonders lesenswert dabei, wie er nachweist, dass die andauernde RAF-Hysterie letztlich Teil des großen (neo-)konservativen 68er-Verteufelns ist und letztlich nur einer unbegründeten Angstmache dient, mit der sich wunderbar Politk machen lässt:

So erleben wir eine optische Täuschung. Die RAF rückt näher, je größer die zeitliche Distanz ist. Sie wird immer größer, je weiter sie weg ist, wie ein Scheinriese. Stefan Aust, Spiegel-Chef und Autor von "Der Baader Meinhof Komplex" meint z. B., dass die RAF "ohne Zweifel eine der wichtigsten Geschichten in Nachkriegsdeutschland war". Wirklich? So wichtig wie die Ostpolitik und die Anti-AKW-Bewegung, die Fünftagewoche, die Wiederbewaffnung und der Mauerfall? Die Hybris der RAF scheint auf ihre Interpreten abgefärbt zu haben.

Der aktuelle RAF-Hype ist Mittel einer Überschreibung, einer Übermalung von "1968". Die 70er-Jahre werden in Popkultur und Medien zum RAF-Jahrzehnt umgedeutet. Die sozialen Bewegungen, vom Kinderladen über den Feminismus bis zu den zivilisationskritischen Alternativbewegungen, schrumpfen zu Randerscheinungen, die von der Schlacht "RAF gegen Staat" überstrahlt werden. An etwas wird erinnert, anderes überblendet.

Nach diesem Zerrbild, an dem auch viele Exlinke mitzeichnen, ist "68" reiner Jugendirrsinn, der außer Terror nichts hinterlassen hat. Gewiss schlugen viele Weltbefreiungsschwärmeien damals in eine harte, totalitäre Tonart um, und zivile Errungenschaften wie Gewaltenteilung waren damals vielen schnurz. Doch hinter der ewigen Abrechnung mit "68" und dem medialen RAF-Hype steckt letztlich eine trübe alte Botschaft aus dem Ohrensessel: Alle Emanzipation endet in Gewalt, jedes utopische Denken führt zwangsläufig zu Terror.
Ebenfalls sehr erhellend und im guten Sinne liberal (= angstfrei, aber dazu schreibe ich hoffentlich bald mal mehr) ist, was Frau Vollmer im taz-Interview zu sagen hat.

1 Kommentar:

kopffuessler hat gesagt…

danke, nach so etwas hatte ich gesucht.