16.1.08

2008 ohne Weihnachten?

Wer selbst nach dem Stundenplan eines modularisierten Studiums, den Schichtplänen des Arbeitgebers oder den Schließzeiten eines Gefängnisses lebt, läuft schnell Gefahr zu glauben, die anderen, die ohne einen von außen geregelten Tagesaublauf auskommen müssen, hätten ewige Freizeit.
Oft ist das Gegenteil der Fall. Arbeit und Freizeit vermischen sich. Lebt mensch religionsfern und in einer großen Stadt, in der in Zeiten des Klimawandels selbst die Jahreszeiten mehr und mehr verschwimmen und mittlerweile auch alle Läden 24/7 geöffnet haben, dann kann mensch schnell in einem grauen Einerlei aus Tagen dahinvegetieren. Die Unterscheidung von Sonntag, Montag, Dienstag und so weiter wird zunehmend hinfällig, es gibt keine Alternation mehr, alles ist mehr oder minder beschäftigte Monotonie.
Um dem zu entgehen, muss sich das scheinbar freie Subjekt Eckpunkte in die vergehende Zeit einbauen, die einerseits den ewigen Lauf der Dinge zu einem handhabbaren, wiederkehrenden Zirkel werden lassen und andererseits Besinnung ermöglichen. Besonders einfach und sozialverträglich könnten diese Eckpunkte dort gesetzt werden, wo die anderen auch Auszeiten nehmen. Die gesellschaftlich anerkannteste Auszeit ist, abgesehen von jenen, die Inventur machen müssen, die sogenannte Zeit zwischen den Jahren.

Leider aber sind diese Stunden und Tage überladen mit Erwartungen und Traumata. Die Familie will Zugriff, es soll trotz Fressstress und Generationenclash friedlich werden, obwohl friedlich doch per definitionem der Kontrapunkt zu familiär ist. Und Sylvester muss unbedingt eine Riesensause sein. Frohsinn auf Befehl. Was dem Rheinländer mit seiner militaristischen Karnevalstradition als naturgemäß erscheint, ist dem Rest der Welt eine psychische Belastung, die fast so schlimm ist wie Weihnachten mit der Verwandtschaft. Die psychisch schlimmsten Momente im Jahreslauf binnen einer Woche. Toll gemacht, Gesellschaft. Natürlich kann mensch den Jahreswechsel allein und im Bett verbringen. Das geht schon. aber es kostet Kraft. Die Norm verlangt anderes. So sind die Dinge, die zwischen den Jahren erwartet werden, die größte Hürde bei dem Versuch, sie als Tage der Besinnung und Erholung zu nutzen.

Wir sollten alle zusammen dafür sorgen, dass Weihnachten nicht mehr die brutale Rückfahrkarte in das kaputte Lebenssurrogat der konservativ geprägten aber zerrütteten bürgerlichen Kleinfamilie darstellt. Wenn wir das längst entchristlichte Fest auch noch entkleinfamilienten und einfach nur ein paar Tage kollektiv Urlaub machten, dann wäre vieles gewonnen.
Wenn dann auch Sylvester nicht mehr bedeutet, besonders lustig auf besonders wilden Feten herumzuhängen, auf Mitternacht die Krisenherde des Planeten im eigenen Viertel zu simulieren und gegen drei Uhr in der früh den Manisch-Depressiven der Clique zu erklären, dass es keine gute Idee ist, sich gerade jetzt umzubringen… Wenn all das nicht mehr Sylvester ist, sondern nur noch ein Tag, an dem wir ein wenig Bilanz ziehen und uns ein wenig was für die kommenden zwölf Monate vornehmen, wenn wir diese Tage am Ende des Jahreskalenders also entrümpeln und uns von dem alten Scheiß aus Kinder- und Jugendtagen lossagten, dann könnten das wichtige, gute und vor allem schöne Tage werden.

Wer im Januar Zeit und Geld fürs Skifahren hat oder im Sommer problemlos vier Wochen in den Urlaub abhauen kann, dem mag das Obige befremdlich vorkommen, weil er ein Gegengewicht zu Weihnachten hat und die Zeit zwischen den Jahren aushält. Ich will nicht mehr aushalten.
Deshalb entziehe ich mich seit einiger Zeit dem Feiertagsterror Ende Dezember. Das geht. Gut sogar. Aber nur, weil die richtigen Mitmenschen da sind, die mitziehen beim X-mas-Entzug oder zumindest Verständnis zeigen. Danke dafür. Wenn sich irgendwann einmal genug entziehen sollten, bräche das System Jahresendfeste in sich zusammen. Die Leerstelle könnte mit im besten Sinne sinnfreier Freizeit gefüllt werden. Und das Jahr würde nicht mehr aus grauem Einerlei und Horrorende bestehen.

Kommentare:

Cara hat gesagt…

Fabelhaft !

(Haben Sie das auf dem Gutshof geschrieben? Nach einem Spaziergang durch die Wälder?)

Fabelhaft !!

Björn Grau hat gesagt…

Danke. (Ja, hab ich. Woher ahntest Du?)

Cara hat gesagt…

Es klang einfach danach, bzw. es fühlte sich so an.
*smile

der G. hat gesagt…

Meine Rede....
hab mich dieses Jahr gefragt: "An welches der letzten 10 Sylverster erinnere ich moch noch und das auch noch gerne?"
Es gab 2!! Und bei dem einen hab ich in meiner Stamm-Disco Bier gezapft....
Und bei Euch?

...und was heist hier eigentlich "entchristlichte Fest"? Wird ja auch mal Zeit!! Welch unglaublicher Zufall, daß Christi-Geburt so schön zur Sonnenwendfeier passierte..... ;o)

Herman Stein hat gesagt…

Bei mir ist es mit den Jahresendfesten wie mit Kinofilmen. Seit ich mal festgestellt habe, dass diese ganze als unglaublich toll prognostizierte Sause umso schlechter ist, je größer sie zuvor beworben wurde, habe ich offenbar alle postiven Erwartungen abgelegt, und siehe da, seitdem stellt sich echter Spass in mir von ganz alleine ein - egal, ob ich in einem schlechten Film sitze oder auf einer schlechten Party stehe.

Insgesamt wäre das auch die Antwort und Kritik zugleich, die ich an Deinem Text anbringen kann. Negativ- oder Abgrenzungsdefinitionen bringen doch oft gerade nichts, als dass das Produkt am Ende demjenigen doch wieder sehr ähnlich sieht, dem es nicht ähnlich sehen sollte.
Wenn du (man) Silvester (übrigens mit i, nicht wie Stallone mit y *wo wollen sie die gekackte Korinthe hinhaben?*) und Weihnachten als "System" siehst, das alle deine bürgerlichen Schreckbilder repräsentiert, dann bleibt dir ja nicht viel übrig, als es ernst zu nehmen!
"[D]iese Tage am Ende des Jahreskalenders also entrümpeln und uns von dem alten Scheiß aus Kinder- und Jugendtagen lossag[]en" - was ist das denn anderes als genau das nervige Stimmungssilvester mit Ausmistungsbesinnlichkeitsvorgabe?

Vielleicht haben da (früher) auf Deiner Seite genauso noch eine ganze Menge ähnlicher Erwartungen gegenüber diesen Feiertagen gestanden. Und letztlich willst du ja wohl auch einfach nur glücklich sein an diesen Tagen, mit Mitmenschen, die mit dir mitziehen (gegen feiertägliche Vorgaben), die du gernhast, und ein bisschen Spass mit ihnen haben. Und schwups wird daraus alljährliche Tradition.