20.2.08

Nicht sprechen

Ein erster Post mit meinen Eindrücken von der Berlinale 08. Weitere können folgen.

In einem dunklen Flur steht eine Kamera und filmt in eine schattige Küche. Beengt und staubig wirkt die Szene. So bleibt es den Rest des Films. Die Mutter, der in ihrem Job als Köchin in der Imbissbude jederzeit der Rauswurf droht, hat seit Jahren nicht mehr mit ihrem Sohn gesprochen. Wohl seit er die Uni nicht geschafft hat. Er kommt nur noch aus seinem Zimmer, wenn die Mama nicht in der Wohnung ist. Der Vater, der seinen Job als Zeitungsdrücker nicht bewältigt, schämt sich vor seiner Tochter und erlaubt sich dennoch den jungen Flyerverteiler runterzumachen. Als sein mafiöser Arbeitgeber Schulden bei ihm eintreiben will, kann er sich nicht einmal mehr in seine Wohnung zurückziehen.
Beziehungsgestörte Verlierer am Rande der Leistungsgesellschaft laufen durch anonyme und beinahe menschenleere Vorstädte, die analog zu den klaustrophobischen Innenaufnahmen so gefilmt sind, dass ein ewiger Smog über der städtischen Monotonie liegt. Auf der Suche nach Anerkennung und Zuneigung führt sie ein illegaler Callgirl-Laden zusammen, der denselben nie auftauchenden Gangstern gehört, die auch den erfolglosen Zeitungsdrücker jagen. Die Mutter will sich prostituieren, weil sie nicht weiß, wie sie sonst ins Gespräch mit Menschen kommt. Und der Manager der Callgirls ist offensichtlich ein herzensguter Kerl (und auf der Suche nach seinen Eltern) und arbeitet im absolut falschen Business. Denn dieses Beziehungssurrogat aus Bordell und Prostitution, das ganz beiläufig auch noch mit Menschenraub zu tun hat, wird natürlich irgendwann von der Polizei hochgenommen.
Higurashi heißt der Film, der diese Dinge erzählt. Hirugashi ist aber auch eine Zikadenart, die dem Film zufolge nur von anderen unterschieden werden kann, wenn sie Geräusche macht. Ob es aber den Menschen im Film gelingt, ihre individuellen Geräusche hervorzubringen, die sie aus der anonymen Masse der vergessenen urbanen Menge hervorhebt, ist nicht sicher.
Dem Team um Hirosue Hirosama und Takahashi Izumi ist mit Higurashi ein bedrückendes kleines Spiel um die Entfremdung Lieschen Müllers in der postindustriellen Metropole gelungen. Eine Leistung, die Izumi als Drehbuchautor und Regisseur in dem zweiten von ihm auf der Berlinale 08 gezeigten Film Musunde-hiraite nicht wiederholt.
Zwar gibt es auch hier die fehlende Ausleuchtung des Settings, die so schummrig wirkenden Großstadtwohnungen und deren kommunikationsgestörten Bewohner. Aber irgendwie bleibt der Film hier beim Experiment. Die zufällige Zusammenführung von einsamen und gestörten Jungmenschen führt zu nichts, nicht einmal dazu, dass sie nicht miteinander kommunizieren. Aha, sie wird von ihrem Partner verprügelt. Aha, die beiden haben irgendwie ihre Freundschaft zerstört. Aha, er glaubt, persönliches Unglück voraussehen zu können. Und? Die dysfunktionalen Verhaltensweisen der Figuren stehen in keinem rechten Zusammenhang, sie werden ausgestellt, ohne die geringsten Andeutungen, wo ihre Wurzeln liegen, sie entwickeln sich nicht. Die für meine beschränkt-westlichen Gewohnheiten sowieso schon beinahe unbewegliche Mimik der japanischen Schauspieler ist hier noch einmal um ein großes Maß reduziert. Und am Ende scheint alles ein Spiel. Ich habe diesen Film nicht verstanden.

Kommentare:

anne hat gesagt…

nicht, dass ich des japanischen abseits von sushi-bestandteilen mächtig wäre, aber ich dachte der heißt higurashi?

Björn Grau hat gesagt…

wo du recht hast... ist geändert, danke!