8.3.08

Intertext

Ich werde noch wahnsinnig hier. Nicht so sehr des Hämmerns wegen, das heute morgen mehr ein Schleifen war. Nein die Geschichten halten mich gefangen. Seine Geschichten mit den Frauen und Mädchen, die jetzt vorrüber sind, die ich aber so spannend finde, weil sie nicht meine sind, weshalb ich mir wünsche, dass er noch viele absurde Liebeleien haben wird. Dann kann ich zuhören und so eine Sehnsucht im Konsum aufbauen. Die Geschichten vom Roman, nicht mein Roman, ein anderer. Seine Geschichten sind schwül und depressiv und das wirkt doppelt in der Nacht mit all dem Wein und den Zigaretten, die ich nicht mehr gewohnt bin. Ich bin nervös, ich bin aufgedreht, Roman erfährt seine Geilheit, die in immer weiter weg vom Höhepunkt bringt und ich verfolge ihn fiebrig. Nur eine Geschichte, aber doch das Leben. All die Geschichten handeln vom Leben und ich sehne mich nach dem Leben, denn ich habe keines. Das ist natürlich Blödsinn, denn ich lebe ja. Aber nicht in Bars und in fremden Betten. Ich bin allein. Ich muss. Lesen. Da ist dieser, heute würde man Nerd sagen, der es schaft, mit der schönen Frau nackt in der Badewanne zu liegen und zu behaupten, dass er es verachte, sich ganz einer Sache hinzugeben, die ohnehin passiere. Ich liege meist im Bett, mitunter auch auf dem Sofa aber meist im Bett und stelle mir vor selbst Teil solcher Geschichten zu sein und werde genau deshalb ja nie Teil solcher Geschichten, denn dazu müsste ich ja mit dem Lesen aufhören und hinausgehen, in eine Bar gehen und eine Frau treffen, die mir dann vielleicht Chili auf den Schwanz, aber das ist eine Geschichte, die lese ich gar nicht. Ich lese und die Geschichten vermischen sich. Irgendwo am Horizont taucht Marie auf, die ich gerne einmal fragen würde, wie es ihr geht, seit sie damals am Strand mit der Mutter und Schurek die arme Sau taucht auf, der noch kaum eine Geschichte hat, als die, dass er keine Frau bekommt. Es werden so viele Figuren ohne Plot und vor allem so viele Frauen und ich bin allein. Ich müsste hinausgehen. Bald wird man wieder hiausgehen können, ohne einen Schal tragen zu müssen. Ich würde gerne Shawl schreiben, es sieht aus wie Kunst. Aber das ist kindisch und irgendwie klingt es auch nach Tonio Kröger, aber das ist nur eine Assoziation, ich weiß nicht wie ich darauf komme, auch das eine Geschichte, die ich nie gelesen habe. Draußen spielt jemand Posaune vor dem Supermarkt und im Treppenhaus riecht es nach Eierspeisen und ich denke an die Frau mit dem schrägen Namen, die so begehrenswert war und auf einmal so alt und kränklich aussieht. Ist sie auch eine Geschichte? Es wird bald Morgen, die Nervosität hält mich vom Schlafen ab. Wer braucht schon Schlaf, wenn er lesen muss. Wieso lese ich dauernd von Männern, die komische Beziehungen zu komischen Frauen haben. Ich würde jetzt gerne ganz in ihr versinken. Gar nicht komisch. Auch nicht kosmisch. Innig. Aber da ist niemand. Außer mir. Bin nur ich. Und der Text. Und noch einer. Und noch einer. Ich muss sie lesen. Und soll sie analysieren. Nicht gebrauchen. Aber sie gebrauchen mich. Spinnen ihre Fäden um mich herum, dieser Wahnsinn aus Identitätssuche und Dialektik. Ich habe meine Heimat verlassen, um in die Hölle des Textes zu steigen. Pathos. Genus sublime. Als Farce. Ohne das Gegenstück einer dazugehörigen Tragödie. Denn die Hölle ist mir keine Qual, ist eine Spielhölle, eine Drogenhölle, in der Geschichten berauschen. Geschichten als Opium. Ich bin das Volk in dieser geilen Hölle voll mit Frauen. All die Stimmen. Ich rausche durch die erzählten Welten, die rauschen durch mich und überall Frauen. Einen kurzen Moment lang will ich masturbieren. Ich bin völlig unterzuckert. Übermüdet. Hyperkonzentriert. Am Ende wird er sie umbringen. Noch aber hat er sie gar nicht. Noch ist es ein Suizid. Die Normativität des Faktischen bricht auf in der Narration des Erlebten. Ihr Suizid, sein Mord, mein Lesakt. Ist das schon eine These? Oder ist es gerade mein Suizid, sein Mord, sein Erzählvorgang? Schon Tage haben mich die Buchseiten im Griff, mehr noch es sind die Nächte und draußen kommt die Welt nicht mehr vorbei und sie kommt mir fremd vor und ich weiß nicht mehr recht, wie aus diesem Labyrinth hervorkommen, aber nein, Labyrinth ist doof, das ist zu eindeutig ein billiger Abklatsch der Weltliteratur und nicht mein eigenes Empfinden, nur ausgeborgt. Es ist ein Schleier, der mich umgibt, der immer verworrener wird, je mehr Erzählstränge sich kreuzen. Und ich soll doch nüchtern bleiben dabei, analysieren, aber die Verwirrung und das Alleinsein und der Wein und die Zigaretten, die ich sonst nicht rauche. Ein roter schlieriger Schleier voller Qualm (oder Geist) und Worten, warum fällt mir jetzt die Studierzimmerszene ein, der Theaterrauch und der Anfang, in dem das Wort, der Geist, die Tat steckten, das ist so billig, so blöde, ich bin doch nicht der immer strebend sich Bemühende, noch nicht einmal Walser, zum Glück nicht, wer will schon eine Geschichte eines alten Sacks, der das junge Ding nicht bekommen kann, lesen, das interessiert mich nicht, ich will sie ja bekommen, aber hinter meinem Schleier bin nur ich und der Text. Ich muss lesen. Dabei ist Lesen eine so tatlose Tat, weil es das passivste Miterleben ist. So passiv wie die Künstlerin, die er hätte haben können aber nicht haben wollte, weil sie eben so passiv war. Aber das ist seine Geschichte und nicht meine. Meine Geschichte aber ist kurz erzählt:
Ich lese die Geschichten anderer, weshalb ich aus der Geschichte falle.

1 Kommentar:

Julie Paradise hat gesagt…

Wow!

(Mehr fällt mir dazu nicht ein, weil sowieso alles zuviel und zuwenig wäre, also stell Dir einfach vor, wie ich mit staunendem Gesicht vor Dir stehe und "Wow!" mache.)