20.11.06

Doch das System

Pariser Verhältnisse! Null Toleranz gegenüber Jugendgewalt! Junge Ausländer haben keinen Respekt mehr vor dem Gewaltmonopol des Staats!
Die panischen Ausrufungszeichen vor den Parolen der vergangenen Woche künden mal wieder vom Untergang des Abendlandes...
Und ja, es ist einiges passiert: In Schöneweide ziehen Kinder Freunde nach Feierabend ab (siehe vorangegangenes Post). In Kreuzberg gibt's Stress mit Heerscharen von Jungmännern, weil die Staatsmacht zwei Kids erwischt hat, die gerade digitale Musikspieler geräubert hatten. Und in Moabit bedrohen "Türkengangs" Sanitäter, die einen vom Auto angefahrenen Jungen angeblich zu langsam versorgen.
Das ist alles nicht lustig und entsprechend dem, was Ramón schrieb (siehe ebd.), gibt es einen Unterschied zwischen Süßigkeiten bei Lidl klauen und als 13jährige einen Mitzwanziger gewaltsam um seinen Rucksack zu bringen. Auch erscheint es absurd, einem verletzten Kind die Ersthilfe der Sanitäter zu verweigern, weil die Staatsmacht der eigenen Peer-Group doch eh nie richtig hilft.
Ein solches Verhalten ist auch meiner Meinung nach durchaus zu kritisieren. Doch sollte dabei nicht übersehen werden: Dieses Thema hat noch andere Facetten:

Zum einen ist da das Verhalten der Staatsmacht:
Solange Berliner Polizeihundertschaften aussehen wie Nazis und Nazimusik hören (siehe hier: "Rechtsextremisten in Polizeiuniform"), fällt es schwer zu glauben, dass sie einen Staat repäsentieren, der alle auf seinem Boden seienden Menschen nach gleichen Maßsstäben behandelt. Und wir müssen gar nicht bis zu den Nazi-Hundertschaften gehen. Wer mal aktiv für Dinge demonstriert hat, die dem gemeinen Konservativen nicht gefallen, kann nicht umhin zu wissen, dass die deutsche Polizei ein Problem mit nicht-bieder-deutschen Positionen hat. Das geht schon los bei scheinbar regierungstreuen Dingen, wie im März 2003 gegen den Irakkrieg sein, wo zumindest in Hamburg demobegleitende Polizisten offen gegen die Pazifisten gepöbelt haben (selber erlebt) oder auch mal in Schülerdemos mit Wasserwerfern reingefahren sind... Als Studierende(r), die/der gegen Bildungskürzungen und Studiengebühren demonstriert, hat man bei den Ordnungshütern auch keine großen Sympathien.
Warum also sollen Menschen, die schon aufgrund ihrer Herkunft nicht ins bieder-deutsche Bild passen bei so einer Polizei Vertauen haben? Wieso sollten Menschen, die von den Ungereimtheiten des deutschen Bleiberechts und den Ungerechtigkeiten der politischen Weltlage gezwungen sind, illegal in Deutschland zu leben, daran glauben, dass ihre kleinen Geschwister im Krankenhaus gut versorgt werden? Keine Ahnung, ob das in Moabit vergangene Woche so war, dass es sich um ein illegal in Deutschland lebendes Kind handelte. Aber nachgefragt hat keiner. Im Gegenteil, der fall wurde erst publik, weil er in den Zusammenhang mit anderer Gewalt ausländischer Jugendlicher in Verbindung gebracht werden konnte. Ich will sagen: es gibt gute Gründe warum Ausländer in Deutschland nichts mit den "Freunden und Helfern" in Uniform zu tun haben wollen. Die würden einige der Migranten nämlich nach der Ersthilfe gleich mal ausweisen!

Zum zweiten ist da das sich Ausprobieren junger Hunde, äh Jugendlicher, und der Respekt vor der Staatsmacht:
Es ist Rassismus zu behaupten, es wären nur "Türkengangs", die sich mit der Polizei anlegen. weiße heterosexuelle Punks am ersten Mai am Boxi tun es, weiße heterosexuelle besoffene Fußballfans jedes Wochenende. Letztlich jede(r) Steuerhinterzieher(in), jede(r) zu schnell Autofahrende, jede(r) Kiffer(in), jede(r) in der U-bahn-rauchende, jede(r) CD-brennende, also irgendwo irgendwann alle alle alle erkennen die Staatsmacht nicht an. Sei es, weil wir jung, männlich und testosterongesteuert sind und schauen wollen, wie weit wir gehen können. Sei es, weil wir die Regeln der Staatsmacht für bescheuert halten. Es hat also niemand das Recht grundsätzlich über die polizeiangreifenden Kids der vergangenen Woche zu richten! Im Gegenteil, wenn die Regeln einer Macht, die ich nicht beeinflussen kann (welche Nicht-Deutschen dürfen wählen? Welche Wähler haben echt das Gefühl von diesem Staat vertreten zu werden? ...), mir im Weg stehen, ist es vernünftig sie zu brechen! Das Wie des Brechens ist zugegebenermaßen in den vorliegenden Fällen nicht so nach meinem Geschmack von vernünftig.

Drittens: Die Schuldfrage.
Kids, die Passanten abziehen. Menschenaufläufe in sogenannten Problemvierteln, die die Arbeit von Sanitätern behindern. Woher kommts? Ich gebe Ramón recht, Martin (zu Martin siehe seinen Kommentar zum vorangegangenen Post): Das System hat versagt. Das System im Sinne der diesen Staat leitenden Machtelite und deren Exekutivkräfte. Und damit wohl wir alle, da wir dieses System weiter funktionieren lassen. Diese Kinder leben nicht aus Spaß an der Armutsgrenze, haben kaum Schulabschlüsse und werden gewalttätig. Sie leben in prekären Rechtsverhältnissen als Asylantenkinder. Sie sind die Kinder von Eltern, die als Gastarbeiter nie in die arische Mehrheitsgesellschaft integriert werden sollten, sondern lediglich als Produktionsfaktor ausgeliehen wurden. Sie sind die Kinder einer gesellschaftlichen Entwicklung, die darauf hinaus läuft, dass uns vorgegaukelt wird, dass nur leistungsorientierte, erfolgreiche Arbeitsmaschinen einen Menschenwert haben, während die Zahl der Arbeitsplätze zwangsläufig in einer postindustrialen Phase schrumpft. Obwohl es nicht genug Arbeit für alle gibt, sind die die nicht arbeiten, nichts wert. Gleichzeitig werden sie über das unpfändbare Grundbedürfnis TV mit einer Warenwelt konfrontiert, die für sie nur dann ernsthaft erreichbar ist, wenn sie sich illegal bedienen.
Nicht gewollt, nicht gebraucht, verarscht. So geht das System mit den jungen Migranten um. Das ist die Schuld des Systems. Erst so können sich Ghettostrukturen bilden, in denen dann pseudoarchaische Verhaltensmuster entwickelt werden (die ja in ihrer Ausprägung auch nicht mehr viel mit dem zu tun haben, was die Kulturen ihrer Vorfahren so predigen. Denn auch diese Kulturen gründen auf dem Wunsch von Menschen nach Sinn und Ordnung). Die Argumente dieses Absatzes gelten übrigens auch für die völkisch-deutschen Jugendlichen, die ja auch mit Gewalt rund um Fußballstadien und in den menschenleeren Gegenden der Republik auf sich aufmerksam machen.


Ich will nicht, dass meine Freunde und Bekannten ausgeraubt werden. Ich will, dass Verletzte egal welchen Alters und Herkunft schnelle und gute Versorgung bekommen, ohne dass Rettungskräfte behindert werden. Aber ich will auch nicht, dass eine einseitige Sicht auf die Mobs der Migrantenjugend dem strukturellen Fremdenhass in diesem Staat zuarbeitet. Und vor allem will ich, dass wir uns anschauen, wo es an uns, am System, am Staat, an der Polizei usw. liegt, dass es ist, wie es ist.

Kommentare:

Chica_Panchita hat gesagt…

recht ausbere Analyse, aber wo ist der Ausweg? Allen recht geben und es auf das anonyme System schieben, Verständnis für alle Seiten reicht da wohl kaum aus. Und persönliches Engagement bekomme ich bei meiner 43h Arbeitswoche + 6h Fahrtwoche eher kaum noch hin.

Björn Grau hat gesagt…

Danke erstmal. Analyse und Verständnis für Komplexität sind erstmal besser als einseitige Schuldzuweisung. Soweit will ich Dein Lob dann auch selbstbewusst gebrauchen. Weiter ist für mich das System gar nicht so anonym. Ich schreibe ja auch, dass es letztlich wir alle sind, die die Gesellschaft so ticken lassen, wie sie tickt. Dennoch hast Du recht, das reicht wohl alles nicht aus. Wenn die Aussenseiter egal welcher Herkunft, ob Schwedt oder Anatolien (Beispiele!), ernsthafte Chancen bekämen, integriert zu werden, dann würde ich auch von ihnen etwas fordern wollen. Wie bekommen sie die Chancen? Fremdbilder abbauen, die Illusion der Vollbeschäftigung abbauen, den Menschen zukünftig nicht mehr vorrangig über Arbeit definieren. Mal drei Vorschläge. Am besten wäre es, wir könnten das alles gemeinsam umsetzen. Aber dann kommt die Arbeitswoche, das Privatleben, die seelische Verfassung. Aber vielleicht gibt es ja Volksvertreter, die so was ähnliches vertreten. Die könnten wir dann ja bei nächster gelegenheit mal wählen. Ansonsten glaube, ich, dass allein das Andiskutieren und Mund-auf-machen gegen die einseitige Empörung schon ein erster Schritt sind. Klar bist Du nicht Herr Diekmann und auch nicht Frau Merkel oder Herr Schäuble. Aber Du kannst so laut es Dir möglich ist, sagen: Not in my name!

Martin hat gesagt…

Da schließ ich mich dem Herrn mit dem dunklen Augenpaar an: Bewusstmachen, Diskutieren, Position beziehen sind schon erste Schritte im Engagement.

Und das war es, was mir in der Originalmail etwas gefehlt hat: die Position blieb vor lauter Perplexität weg. Zu sagen, das System hat versagt, ist für mich unterschwellig eine Schuldzuweisung, weg vom individuellen Standpunkt.

Und da sehe ich auch das große Problem linker Theorien: die gehen meist bis zum Umsturz des gegenwärtigen Systems, aber dann nicht weiter: Es muss anders werden, aber wenn es dann anders ist?

Rechts wie links ist man versucht, Schuldige zu definieren: dort sind es dann die Asozialen, Kriminellen, Studenten, Punks, Homos; hier sind es dann die heterosexuellen arischen männlichen (zitiert) Industriellen.
Wie die Vorschreiberin südamerikanischen Flairs sagt, wird hier wie dort leicht etwas als "System" konstruiert, das versagt hat.

Und gerade weil wir Teil dieses Systems sind: der ganz große Teil ist sehr leicht zufrieden (zu stellen), will gar nicht alles immer hinterfragen, hinterdenken, wird vom System einigermaßen versorgt, und gut is. Was macht man mit denen? Daran verzweifeln alle Ideologien - an der trägen Masse. Diese Masse ist enorm kaufkräftig und steuert mit ihrer Seichtheit auch eine ganze Menge.
Auch wieder nur ein Schuldiger? Nein - mein Fazit ist: man darf sich das 'Ganze' nicht so einfach machen.

Bin für die drei Vorschlage. Aber was gibt man dem Menschen, wenn man ihm die Definition über die Arbeit nimmt? Modelleisenbahnen, Aquarellmalerei?

Ach, ich steig aus! :)