28.3.07

Broderlinesyndrom

Liebe Pächter der Wahrheit,

Ihr beschwert Euch, dass die republikanisch geführten USA zu einseitig negativ dargestellt werden in der bundesdeutschen Öffentlichkeit. Aber den Islam vereinfacht ihr Kulturkämpfer zur Gefahr fürs Abendland. Übergeht dabei alle muslimisch geprägten Bewegungen gegen den Fanatismus aus den eigenen Reihen. Messt ihr da dann mit gleichem Maß? Nein.

Ihr setzt Euch für das Existenzrecht Israels ein. Recht habt Ihr. Wenn es nach den verbalen Äußerungen vieler Diktatoren in islamischen Ländern und konservativer Moslems in aller Welt ginge, würde Israel nicht mehr lange exisitieren. In Anbetracht dieser Situation halte auch ich es für angebracht, das Israel wachsam bleibt und sich im Zweifel wehren kann.
Aber: Das einzige arabische Land, dass sich auf einem ernstzunehmenden Weg hin zu Pluralismus und Demokratie befand, in einen beinahe vormodernen Zustand zu bomben, weil dort einflussreiche Terroristen zwei Soldaten gefangen halten, ist genauso zu kritisieren, wie die antiisraelische Propaganda aus dem Iran, aus Syrien oder von so deutschnationalistischen Wirrköpfen wie Horst Mahler usw.
Überseht Ihr weiter nicht auch ein wenig die Mehrschichtigkeit der Probleme, wenn Ihr von der Mauer um die Palästinensergebiete als einem Schutz sprecht? Ja, Israel muss versuchen, sich vor islamistischem Terror zu schützen. Aber mit der Mauer versperrt es auch jeder Menge vor allem junger Menschen Chancen auf Arbeit, Bildung, Welterfahrung. Diese Menschen werden sich gefangen fühlen, werden frustriert. Das macht aggressiv...

Schaut Euch mal die Sozialdaten der Weltregionen und Epochen an, in denen es vermehrt zu Terror und Bürgerkrieg kam. Allermeist geschah das in der Vergangenheit dort, wo viele junge Männer ökonomisch chancenlos waren (auch wenn die ideologischen Köpfe aus gut gebildeten und wohlhabenden Familien stamm(t)en. Ohne ihr willfähriges Fußvolk wären die alle nicht weit gekommen). Würde irgendjemand daraus etwas lernen wollen, dann dies: das Wegsperren ganzer Völker kann nicht gut gehen.
Konkret beziehe ich das auf die Palästinenser. Metaphorisch auf Eure antimuslimische Propaganda. Einbinden, Aufgaben geben, Respektieren, Talente entfalten lassen und auch Grenzen zeigen - so kann frustrierten und aggressiven Menschen ein friedliches Verhalten innerhalb der Gemeinschaft ermöglicht werden. Aber die Grenzen müssen für alle gleich sein, sie müssen nachvollziehbar sein und sie dürfen nicht losgelöst von Freiheiten sein.

Ihr wendet Euch gegen eine angebliche Islamisierung Europas.
Die allermeisten Moslems leben in Europa, weil a) europäische Staaten deren Heimat als Kolonien gehalten haben oder b) im vergangenen Jahrhundert dringendst billige Arbeitskräfte benötigten. Europa hat diese Menschen geholt beziehungsweise deren Herkunftsländer als sein imperialistisches Eigentum betrachtet. Diese Phasen der europäischen Geschichte lassen sich nicht einfach vergessen, sie verpflichten gegenüber den muslimischen Mitbürgern.
Die von Euch geforderte Meinungsfreiheit und die Einhaltung der Menschenrechte (dazu gehört, ich wiederhole mich, auch eine freie Religionsausübung) muss für alle hier lebenden Menschen gelten.
Darüber hinaus frage ich mich aber vor allem: Was ist Islamisierung? Erklärt mir doch mal, was Islam ist. Vielleicht fragt ihr aber vorher mal ein paar Moslems. Ihr werdet gaaaanz sicher immer die gleiche eindeutige Antwort bekommen.

Ihr setzt Eure Grenzen "pro Amerika/Israel, gegen die Islamisierung" plakativ und schwarz-weiß. Ihr geht auf Konfrontation. Ihr untersützt eine bestimmte amerikanische Politik und eine bestimmte israelische Politik. Aber ihr verdammt den Islam an sich. Und ich muss die Argumentationsstruktur mal wieder benutzen: Ihr werdet Gegner finden. So verbohrte Menschen wie Euch gibt es auf allen Seiten. Ihr bastelt Euch eine selffullfilling prophecy.

Das waren einige Gründe, warum ich nicht beim Lesen von politicallyincorrect aufwachen werde. Ich schlafe nicht. Meine Welt ist nur bunter als Eure.

Ein naiver Freak

Kommentare:

Mark hat gesagt…

Hoppala, jetzt hab ich eben erst die anderen (diesen hier) posts gesehen, nachdem ich Dir Deinen anderen schon vollgetexte (zugespamt? ;) ) habe.
Ein paar Anmerkungen:

"Übergeht dabei alle muslimisch geprägten Bewegungen gegen den Fanatismus aus den eigenen Reihen."
Nein, gar nicht. Wie wärs denn bspw. mit dem Zentralrat der Ex-Muslime. Die kämpfen nicht gegen islamische Terroristen, Fanatiker. Nein, einfach nur gegen die ganz übliche, gelebte Religionsausübung in Deutschland. Mit denen stimme ich 100% überein. Sehr angenehmer Verband!

Israel etc. überspringe ich jetzt mal, das wird zu kompliziert.

Die "Sozialdaten", "Kolonien" und "Arbeitskräfet". Klar, da hast Du völlig recht. Das sind Fakten. Keine Frage.
Wie kommst Du jedoch auf die Idee, dass mich das irgendwie zu etwas gegenüber der dritte oder teilweise schon vierten Generation von Mitbürgern mit Migrationshintergrund und muslimischen Glauben zu irgendwas verpflichtet? Darf man jetzt seine Frau schlagen, seine Kinder mit reaktionären Ideen ein Gehirnwäsche verpassen, eine reaktionäre Religion/Ideologie pflegen, auf so ziemlich alles scheißen, was die europäischen Statten in den letzten 200 Jahren (auch sehr qualvoll) erlernt und aufgebaut haben, weil Europa Kolonien hatte?
Ist die Kritik an einer Religion, die nicht nur als Privatsache gelebt wird, sondern aktiv und aggressiv in die Gesellschaft getragen wird, nicht mehr gerechtfertigt, weil vor Jahrzehnten "Gastarbeiter" in unser Land geholt wurden?
Ist ein vernünftiger Umgang mit religiösen Spinnern, die sich deutlich gegen alle Werte unserer Republik und unser Grundgesetz wenden, nicht relevant, weil ein gewisser Herr Broder in seinen pro-Israel-USA Kommentaren weit übers Ziel hinausschießt?
Verwundert es denn niemand, wenn ein Frau wie Alice Schwarzer, der man ja wohl keineswegs einen Fascho Vorwurf machen kann sagt: „Der Islamismus ist eine totalitäre Ideologie in der Tradition des Nationalsozialismus und des Stalinismus“.
Das dumme ist nur, dass der sogenannten Islamismus nicht ein Randphänomen ist, sondern sehr weit in die muslimische community hineinreicht, wenn nicht sogar die Mehrheit stellt.

Und mit Muslimen reden ist sehr aufschlussreich, wenn man mit den richtigen redet. Die "Überzeugten" erzählen einem immer das gleiche, das stimmt. Schon mal was von dem muslimischen "Lügengebot" gehört? der "Taqiyya"?
Vielleicht sollte man sich mal die Mühe machen und den Koran lesen, dann wird einem einiges klar.

Björn Grau hat gesagt…

hallo mark,

einiges habe ich schon zu Deinem Kommentar bezüglich meines Posts zum Spiegeltitel geschrieben.

Dass die BRD vor 40 Jahren "Gastarbeiter" ins Land geholt hat, dass bspw. Frankreich in Nordafrika bis vor rund 40 Jahren Kolonien hatte, das verpflichtet uns als Gesellschaft heute sehr wohl gegenüber den hier lebenden Nachfahren der von unseren Vorfahren hierhergeholten Menschen. Weil durch die Politik damals heute Menschen in Europa leben, die andere religiöse und kulturelle Prägungen haben als wir (dabei können wir Europäer uns ja schon auf nix einigen).

Die Muslime, die heute bei uns leben, sind Teil unserer Gesellschaft. Sie sind größtenteils hier aufgewachsen. Also gelten für sie die gleichen Rechte und Pflichten, wie für alle anderen hier auch.
Das bedeutet, dass sie, solange sie nicht gegen Gesetze verstoßen, sehr wohl alles dürfen, was Dir und mir nicht passt. Genauso wie Opus Dei, die NPD oder Altstalinisten.
Gegen Gesetze verstoßen dürfen sie nicht. Also auch nicht Frauen schlagen. Solcherlei Relationismus ist mir hier aber auch nie untergekommen.

Kritik an reaktionären Muslimen ist wichtig und nötig. Aber übers Ziel hinausschießen wie bei Broder darf auch angeprangert werden.
Auch Frau Schwarzer hat, ganz gleich, was sie alles für die Emanzipation der deutschen Frau getan hat, die Wahrheit leider nicht automatisch eingebaut. Der Vergleich zwischen Islam, Faschismus und Stalinismus ist, gelinde gesagt, scheiße. Zwei totalitäre politische Ideologien mit einer vielfältigen Religion zu vergleichen, die leider auch von totalitären Politikern missbraucht wird, greift echt zu kurz.

Und zu Deinem Tip, den Koran zu lesen: Welche Übersetzung nutzt Du? kannst Du arabisch? Liest Du auch die theologischen Kommentare der letzten mehr als 1500 Jahre?
Dieser Text ist so vielfältig, so obskur, so widersprüchlich, und vor allem nicht die einzige Textquelle des Islam. Daraus kann niemand,der sich damit eingehend, kritisch und offen beschäftigt hat, den Schluss ziehen, diese Religion sei an sich so oder so.

Es ist so einfach, den Islam an sich zu dämonisieren.
Es lenkt ab von den sozialen Missständen, die auch (aber nicht nur) zur Gettoisierung unserer muslimischen Mitbürger führen.
Er lenkt aber auch davon ab, dass dem Islam Dinge vorgeworfen werden, die immer noch auch in christlich geprägten Landstrichen und Familien gang und gäbe sind. Frauen werden in Deutschland auch ohne Islam weiter benachteiligt. Kinder und Ehepartner dürfen erst seit wenigen Jahren per Gesetz nicht mehr geschlagen werden. Und gerade innerhalb der Erziehung bekommen Äußerungen wie "eine Ohrfeige hat noch keinem geschadet" bis heute lauten Zuspruch. Homosexualität ist zumindest in Süddeutschland immer noch ein Grund für Ministerrücktritte (in 2006 musste in Baden Württemberg ein Minister gehen, weil er die Schirmherrschaft für den CSD in Stuttgart übernehmen wollte).
Wenn die nichtmuslimische Gesellschaft in Deutschland mal so liberal wäre, wie sie es von den Muslimen verlangt, dann wäre das hier ein ganz tolles Land.

Ich entschuldige kein demokratie- oder menschenverachtendes Verhalten, egal ob von Moslems oder nicht. Aber mich ärgert die undifferenzierte Verallgemeinerung von individuellen Fällen und die offene Aufstachelung gegen Offenheit und Dialog.

nerone hat gesagt…

hm, schweres thema hat euch da angesprungen. an broder kann man sich die zähne ausbeissen und ich bin kein freund von ihm. mspro (http://axonas.twoday.net/), der auch auf der re:publica rumturnt hat auf einen artikel aufmerksam gemacht, der zeigt, dass broder auch zu analysen fähig ist fern ab von seinen genralisierenden angriffen und islamophobien.
bei axonas (http://axonas.twoday.net/) läuft derzeit eine diskussion, die sich mit dem thema "säkularer fundamentalisten" beschäftigt. ein interessanter beitrag wie ich finde und ein medien/internetding, so zu sagen. da hinein wachsen die standpunkte von denen aus das thema das euch hier beschäftig.
zu dem thema, wie zu vielen anderen glaube ich ist es notwendig stärker zu differenzieren und nicht äpfel mit birnen zu vergleichen, so wie björn es anmahnt. sicher ist, dass wir in unseren blogs nicht mehr liefern als einen "beitrag". meinung machen andere...