4.6.07

"wenn irgendwelche dreckigen Schlägervollidioten eine ganze Stadt verwüsten"

... so lautete bspw. ein Kommentar zu den Ausschreitungen in Rostock vom Samstag bei René.

Und zumindest die ersten Medienberichte aus Rostock müssen wohl einen solchen Eindruck erweckt haben. Am späten Nachmittag trudeln immer wieder SMS bei mir und den Mitgereisten ein. Freunde und Verwandte wollen wissen, ob es wirklich so schlimm sei, ob es uns gut geht. Nachts kommt dann noch eine Kurznachricht von einem Co-Demonstranten, der gegen 19 Uhr die Veranstaltung verlassen hat und sich dennoch ob der Fernsehbilder Sorgen macht.

Heute, zwei Tage später, nach dem Abgleich des Erlebten vor Ort mit den Medienberichten und -bildern bleibt trotz aller mittlerweile eingesetzter Differenzierung auch in den bürgerlichen Medien ein großes Loch zwischen dem, was ich in Rostock gesehen habe und dem, was berichtet wird:

Die Demo durch ein weitgehend entvölkertes und teilweise zugenageltes Rostock ist lange Zeit über eher öde. Wir treffen Bekannte aus Berlin, auch einige, von denen wir es nicht gedacht hätten; wir sind darüber belustigt und gleichzeitig ernüchtert, dass ein Großteil der Redner auf den Lautsprecherwagen um uns herum aus dem linken Spektrum Berlins kommen und wir sie persönlich kennen. Und das obwohl wir uns eigentlich an einer eher zufälligen Ecke in den Demozug eingereiht hatten. Kleine Welt, die aktiven Linken...
Die Polizei hielt sich dabei teilweise bis zur Unsichtbarkeit zurück. Weite Teile der Strecke waren ohne Polizeibegleitung, wenn welche zu sehen war, hatten sie oft Helem und Handschuhe aus. Lediglich am Hotel, der US-Delegation für den Gipfel trabte eine voll eingerüstete Einheit auf. Und kurz vor dem Kundgebungsplatz standen gepanzerte grüne Echsen.
Ich habe die Scharmützel zwischen Polzei und Vermummten zu keinem Zeitpunkt direkt gesehen. Gegen 15:30 Uhr höre ich durch die Demoleitung am Kundgebungsplatz, an dessen hinterstem Ende wir uns aufhalten, das erste Mal etwas von Auseinandersetzungen. Kurz darauf sehe ich ein paar wenige Jungmänner, die einen der ihren am blutenden Kopf verbinden. Die Auseinandersetzungen sind, so gerade überhaupt welche stattfinden mindestens 300 Meter vom hinteren Ende des Kundgebungsplatzes entfernt. Dennoch steht ein Polizeihubschrauber tief über den Demonstranten und stört die Kommunikation zwischen Demoleitung und der Masse an friedlichen aber wohl mittlerweile etwas neugierigen bis verunsicherten Demo-Teilnehmer
Wir entschließen uns, etwas Essen zu gehen und durchqueren dabei die vollkommen ruhige und verbarrikadierte Innenstadt Rostocks. In dem Lokal an einem Platz in der Rostocker Innenstadt, in dem wir essen, kommen immer wieder Bereitschaftspolizisten zum Pinkeln vorbei. Sie dürfen scheinbar nur in Gruppen aufs Klo.
Gegen 17:30 gehen wir wieder zum Kundgebungsplatz am Stadthafen. Wir hören von uns entgegenkommenden Bekannten, dass es unten am Rande der Kundgebung etwas zur Sache geht, dass das aber klein und begrenzt sei und wir gut wieder zur Veranstaltung kämen. Die Bekannten haben ein kleines Kind im Kinderwagen und sind ohne jede Hektik unterwegs, sie verlassen den Ort des Geschehens, nicht weil es Steine oder Tränengas regnet, sondern weil es Regen regnet.
Wir gehen kleinere Gassen hinunter zum Hafen, wo die Kundgebung ist. Alles scheint ruhig. Am Rand des Veranstaltungsplatzes sehen wir die aufgerissene Strasse, zwei Kleinwagen mit zertrümmerten Scheiben, ein verbranntes Auto und junge vermummte Menschen (erstaunlich viele Frauen), die Steine sammeln und Mülltonnen zusammenschieben. Vorbereitungen für ein erneutes Scharmützel. Wir gehen einmal zwischen durch zügig in Richtung Abschlusskundgebung. Von weitem sehen wir, wie Bereitschaftspolizisten einen Riegel zwischen die Kundgebung und ihren äußeren örtlichen Rand treiben. Zügigen Schrittes schaffen wir es, auf der Kundgebungsseite des Riegels zu landen.
Im Hintergrund schieben sich die Wasserwerfer sichtbar rücksichtslos und unter vollem Druck durch die Masse.
Vermummte verstecken sich in der Kundgebung, mischen sich bewusst (und feige) zwischen Familien und ältere Menschen.
Die Polizei rennt in kleineren Gruppen in die Kundgebung, um sich einzelne Menschen gezielt zu greifen. Vermummte? Von den Polizeikameras identifizierte Steinewerfer? Kann sein. Nichtsdestotrotz prügeln sich die Polizisten durch die friedliche Menge, um dort Einzelne herauszuziehen.
Mittlerweile hat die Polizei die komplette Kundgebung umstellt und ihre Wasserwerfer dabie in gleichmäßigem Abstand verteilt. Während hinten immer noch gereizte Stimmung herrscht., gibt es vorne auf der Bühne tanzbaren Widerstand. Irie Révoltés spielen heftigen Dancehall-Reggae mit sehr sehr linken Texten. Gerade das beruhigt. Ihr verbales Anstacheln zieht mehr und mehr Menschen weg von der Polizei hin zur Bühne. Obwohl dort vorne wohl mehrere tausend Menschen friedlich zur Musik abgehen, obwohl sich die Demoleitung für linke Demos überraschend deutlich von den Steinewerfern distanziert hat, obwohl die Musik spürbar deeskalierend wirkt, wird einer der Wasserwerfer direkt an das Konzert herangefahren und die Kanonen auf die Menge gerichtet.
Nach mehr als einer Stunde Verhandlung, gelingt es der Demoleitung die letzten ca. 250 der Polizei konfrontativ gegenüberstehenden Menschen zum friedlichen Rückzug zu bewegen. Die Polizei verspricht im Gegenzug, dass das Konzert ungestört zu Ende gehen kann und dass im Anschluss daran keine Personenkontrollen stattfinden werden.
Nach dem Konzert, dass in einem sehr rockigen und extrem guten "Wir sind Helden"-Auftritt endete, geht die Masse friedlich auseinander. Auch über das Schlachtfeld des frühen Abends geht der Heimweg.
Etwas weiter in der Stadt schickt die mittlerweile überall präsente Polizei uns in Richtung Bahnhof. Und lenkt uns und zig andere auch direkt in ein enges Gäßchen, dass von einer Polizeikette gesichert ist. Die kontrolliert zwar keine Ausweise oder so,dafür aber alle Taschen auf waffentaugliches oder brennbares Material.
Auf dem Weg zum Bahnhof wiederholen sich diese Kontrollen, wobei dann nur noch schwarz gekleidete Menschen aufgefordert werden, ihre Taschen und Rucksäcke zu öffnen.
Kurz vor dem Bahnhof sehen wir, wie mehrere Einsatzfahrzeuge der Polizei aus der Innenstadt mit Blaulicht und schneller Fahrt ausrücken.
An der beim Protestcamp am Rande Rostocks gelegenen S-Bahn-Station stehen mehrere Einsatzfahrzeuge und schweres Gerät, die Nacht bleibt aber ruhig.

Schon am Samstag bin ich mir, ohne natürlich die Lage ernsthaft überblicken zu können, recht sicher, dass sich die Randale auf anderthalb Straßen am Rande des Hafens beschränkt. Beim Anblick der Bilder in Presse, Fernsehen und Internet bestätigt sich diese Ahnung. Das sieht auch jeder, der diese Bilder vergleicht.
Abgesehen von einigen zersplitterten Fensterscheiben in der Innenstadt stammen alle Bilder aus den selben zwei Straßen in der Nähe des Hafens. Es sind immer die gleichen Plattenbauten, die gleichen Gehwegplatten und das gleiche brennende Auto.
Und damit zurück zum Zitat am Anfang dieses Posts: die "dreckigen Schlägervollidioten" haben einige Mülltonnen angezündet, mehrere Quadratmeter Straßenpflaster zerstört und mit dem Werfen desselben Menschenleben gefährdet. Sie haben Autoscheiben zerstört und mindestens ein Auto abgefackelt. Aber garantiert nicht mehrere, wie es in einigen Medien hieß. Das ausgebrannte Auto, das ich gesehen habe, war dasselbe wie jenes, das als einziges auf allen mir bekannten Bildern zu sehen ist.
Und wenn, wie gestern Abend bei N24 geschehen, gesagt wird, Rauchschwaden lägen über der Szenerie und dazu gezeigt wird, wie die Tränengaskartuschen der Polizei bei den Steinewerfern aufschlagen, dann ist das Dummheit oer Panikmache seitens der Redaktion.

Die Ausschreitungen waren da, sie waren, was die Art der Angriffe auf Polizisten anging, ungewöhnlich brutal. Sie waren dumm, sinnlos und kontraproduktiv (später mehr). Die Polizei war lange nicht Herr der Lage (später mehr). Aber die Abschlusskundgebung der Demo und das darauf folgende Konzert waren die ganze Zeit über erreich- und verlassbar.
Die Ausschreitungen waren Universen weit weg von den Schlachten und Krawallen, wie wir sie durch die Fernsehbilder aus Pariser Vorstädten kennen.

Lasst Euch nicht von der Sensationslust der Medien anstecken!

Es folgen in Extra-Posts:
Kommentar zur Strategie der Sicherheitskräfte.
Kommentar zu denen, die ich hier verkürzt als Steinewerfer beschrieben habe.

Hier folgen willkürlich ein paar Links zu Bildern und Texten aus den großen Medien und aus Blogdorf:
Latschdemo (via)
Spiegeltext (via)
Spiegelbild
Eigene Meinung und noch mehr Links bei Wonko
Jerikos Action
Politblog mit Bildern (via)
Noch mal Bilder (via)

Kommentare:

kfmw hat gesagt…

Danke schön!

XiongShui hat gesagt…

(...) Cui bono? Wem liegt daran, die Stimmung in Deutschland aufzuheizen und die Menschen mit Fehlinformationen und Terrorbildern zu verunsichern? Wer zieht aus der eindeutig betriebenen Desinformation der Bürger seinen politischen Gewinn? (...)

Danke für die differenzierte Betrachtung und komm' gesund wieder.

Jörg Friedrich hat gesagt…

Interessanter Bericht.

Ich denke, das Betonen der Gewalttaten in den Medien ist vor allem im Interesse der Medien. Wer schaut schon gerne friedlichen Demonstranten beim Demonstrieren zu? Brennende Autos und vermummte Gewalttäter, die auf ein Polizeiauto einschlagen, sind da wesentlich besser für die Einschaltquote.