9.10.07

Relevant ist nur das, was gerade erst veröffentlicht wurde!

Klingt polemisch? Ist aber genau die Quintessenz aus den Gedanken der Frau Paradies. Wenn man sich mal überlegt, was "Bloggen zum richtigen Zeitpunkt" eigentlich heißt, dann hat "die Blogosphäre" eine Aufmerksamkeitsspanne, die kürzer ist als diejenige eines ADHS-Menschen.

Innehaltend und selbstreferenziell werdend: Ich habe mich mehrere Male dabei ertappt, dass ich einen Beitrag nicht kommentiert habe, wenn der Text bereits mehr als 24 Stunden online ist, bereits mehrere nachfolgende Beiträge veröffentlicht wurden und zu allem Überfluss bislang niemand anderes seinen Senf hinzugegeben hat. Mein halbfertiger Kommentar-Gedanke wird vom Teufelchen auf der Schulter mit einem "Egak. Liest eh keiner mehr." im ungeschriebene-Kommentare-Friedhof verscharrt.

Was heißt das für die Rezeption von Texten? Woraus besteht die "gebührende Aufmerksamkeit", die einem Text widerfahren soll? Welche Vorstellungen haben wir als Produzenten? Inwiefern werden diese Vorstellungen von uns als Rezipienten beeinflusst (denn dass sie beeinflusst werden, ist sicher Konsens)? Lässt sich das überhaupt empirisch belegen?

Ich habe nicht vor, auf die einzelnen Fragen Antworten zu liefern. Dazu habe ich Blogdorf zu wenig unter dieser Fragestellung beobachtet. Aber so sehr diese Einstellung zum Veröffentlichen der eigenen Texte nachvollziehbar ist, so gibt es einige Punkte, die dieser Logik ein Gegenbild sein mögen.
Eine Vielzahl der Lesenden erfahren von Beiträgen über ihren Feedreader. Irgendwann im Laufe des Tages werden alle abonnierten Blogs der Reihe nach durchgelesen, einige mehr überflogen, andere regen zu eigenen Texten in Form von Kommentaren oder Posts an. Jeder hat seinen eigenen Weg der Selektion. Ein Freund z.B. liest längere Texte gar nicht erst. Es gibt also genügend Leser, die einem Text Relevanz verschaffen können, auch wenn der Text schon ein paar Stunden auf dem Buckel hat.
Dann gibt es Texte, die noch Wochen später von neuen Lesern entdeckt werden. Vor 2 Wochen veröffentlichte Herr Grau seine ganz persönliche Abrechnung mit Herrn Sick. Noch heute beschert mir dieser Post Leser. Da ich nicht weiß, worüber diese Leser auch jetzt noch zum Herrn Grau stoßen, kann ich nur vermuten, dass es entweder die Suchmaschinen sind oder eventuell doch länger haltbare Plattformen (vielleicht del.icio.us?) Texten Relevanz verschaffen.
Es gibt die unterschiedlichsten Wege, auf denen einen Text zu seinen Lesern gelangt und auf denen er Relevanz erhält. Sie alle haben parallele Geltung.

An dieser Stelle will ich keineswegs irgendein richtig/falsch aufmachen. Zu irrelevant ist das Thema eigentlich. Denn mal ehrlich, im Endeffekt ist doch vollkommen schnuppe, wann im Laufe des Tages ein Text das Licht der Öffentlichkeit erblickt - sollte es zumindest. Aber als ich das erste mal davon hörte, dass Menschen ihre Veröffentlichungen planen, musste ich doch kurz schlucken. Warum? Vielleicht, weil Blogs als Gegenöffentlichkeit für mich das Plurale der Möglichkeiten bedeuten. Seine Veröffentlichungen nach dem Publikum auszurichten hat für mich den (faden) Beigeschmack, seine Position im Diskurs nicht nur auszuloten, sondern ab einem bestimmten Punkt seine Macht zu nutzen, eine gewisse vorherrschende Stellung zu erlangen. Das ist kein Vorwurf an das dergestalt entscheidende Individuum. Es ist mehr eine Feststellung, dass mit diesem Handeln althergebrachte Verhaltensstrukturen fortgeführt werden, die das Spiel um das kompetente/interessante/meistgehörte Subjekt wieder in den Vordergrund rücken. Das Plurale der Möglichkeiten heißt demgegenüber für den Einzelnen, sich der verschiedenen Lebensweisen von Texten bewusst zu werden und sie mit Bedacht zu handhaben.

Kommentare:

Saint hat gesagt…

"Relevant ist nur das, was gerade erst veröffentlicht wurde."

Besser kann man es nicht zusammenfassen, nur da hätte ruhig ein Ausrufezeichen hinter gekonnt. ;)

Merci beaucoup!

miss sophie hat gesagt…

Recht haste. Ich hab's mal geändert.

Max hat gesagt…

Ich verstehe nicht, woher der fade Beigeschmack kommt. Also, dieser ganze Sprung ab "Gegenöffentlichkeit" hinterlässt bei mir nur noch Fragezeichen. Wieso nutze ich meine Macht für irgendwas, wenn ich statt um 11 um 1 auf "Publish" klicke?

Ich halte das eigentlich nur für konsequent. Schließlich veröffentliche ich einen Text ja, damit er möglichst viele Leser erreicht. Und neben einer knackigen Überschrift, einer spannenden Einleitung, einem gut lesbaren Layout, dem anbieten von möglichst vielen Feeds... kann das eben auch das Timing sein.

Im übrigen finde ich, das zumindest deine Überschrift auf Internet-Medien überhaupt nicht zutrifft. Während die Zeitung von gestern schon lang im Altpapier liegt und TV/Radio schon lang versendet sind kann sich ein Blogartikel wie du eben schreibst noch beliebig lange gelesen werden. Find ich eigentlich viel wichtiger als die hohe Geschwindigkeit des mediums.

Saint hat gesagt…

Ich verstehe es so, dass es für den, der es schreibt eben genau dann relevant ist, wenn er es schreibt und nicht dann, wenn er es publisht. Es mag dann sicher noch immer Relevanz haben, aber eben nicht mehr so hohe.

miss sophie hat gesagt…

Der fade Beigeschmack kommt für mich an der Stelle, wenn Bloggen zu sehr auf das Publikum ausgerichtet ist. Das ist eine ganz indivduelle Grenze. (Nicht-Blogger z.B. empfinden gerne mal einen faden Beigeschmack bei der Tatsache, dass für eine potenzielle Öffentlichkeit schreiben etwas von selbstdarstellerischer Eitelkeit hat.) Bei Ausrichtung auf das Publikum muss ich immer auch an "Bloggen um des Ruhmes willen" denken. Da ist für mich eine Diskrepanz zu dem Bild gegeben, wie ich selber bloggen kennen gelrent habe.

Auf einer persönlichen Ebene würde ich ein, hm wie nenn ich das, Verbessern der eigenen Internetpräsenz niemals jemandem vorwerfen. Wenn ich von "Macht nutzen" spreche, meine ich eine strukturelle Macht (Foucault lässt grüßen...).
Jeder von uns ist mit eigenen Motivationen angetreten, ins Netz zu schreiben. Dann bekommen wir irgendwann mit, dass wir Leser haben. Es bilden sich Netzwerke, die Wirkungsmechanismen zeigen, zu denen mensch sich verhält.
Ein Wirkungsmechanismus ist z.B., dass zuerst gelesene Texte eher verlinkt werden, womit wiederum eine größere Aufmerksamkeit für den Text entsteht. Dazu muss der Text natürlich einer gewissen Qualität standhalten, sprich für gut/interessant etc. befunden werden.
Das läuft auf die Frage hinaus: wie gehe ich damit um, dass ich weiß, dass ich gut bin? Entferne ich mich von den Motivationen, mit denen ich einst antrat und wenn ja, bin ich mir dessen bewusst? Und welche Auswirkungen hat das auf die Vielfalt der gelesenen und verlinkten Blogs?

Das Thema betrifft Schreiber wie Leser gleichermaßen. Insbesondere als Leser hat jeder Einzelne es in der Hand, von ausgetrampelten Pfaden Abkehr zu nehmen - so denn gewünscht. Aber dass eine Abkehr von herkömmlichen Wegen der Informationsvermittlung grundsätzlich erwünscht ist, zeigt insb. die Debatte um "Blogger vs. Journalisten".

Max hat gesagt…

Huiuiui. Blogger vs. Journalisten. Noch sowas, was ich nicht verstehe. :)

Zum eigentlichen Thema: ich unterstelle jedem, der "in Netz schreibt" dass er gelesen werden möchte, noch bevor der erste Leser da ist. Ich kann mir zumindest keinen anderen Grund vorstellen - welcher war denn deiner? In sofern halte ich es nur für konsequent, wenn man versucht die Leserzahlen durch Tricks zu erhöhen.

Max hat gesagt…

Huiuiui. Blogger vs. Journalisten. Noch sowas, was ich nicht verstehe. :)

Zum eigentlichen Thema: ich unterstelle jedem, der "in Netz schreibt" dass er gelesen werden möchte, noch bevor der erste Leser da ist. Ich kann mir zumindest keinen anderen Grund vorstellen - welcher war denn deiner? In sofern halte ich es nur für konsequent, wenn man versucht die Leserzahlen durch Tricks zu erhöhen.

miss sophie hat gesagt…

;-) Ich unterstelle auch erstmal jedem, dass er gelesen werden möchte. Ist bei mir natürlich nicht anders. Siehe der Teil mit den Nicht-Bloggern und der selbstdarstellerischen Eitelkeit im vorigen Kommentar. Denn ansonsten könnten wir alle auch unser papiernes Notizbuch füllen...
Auf dieser individuellen Ebene sind wir also durchaus einer Meinung.

Nur was passiert, wenn das alles größer wird, als die Summe seiner Teile? Wenn dazu so etwas, wie eine im weitesten Sinne politische Forderung artikuliert wird (alternative Wege der Informationsvermittlung)? Dann einfach weitermachen wie vorher oder innehalten und das Handeln als Akteur reflektieren? Das ist der Punkt, an dem ich ansetze (ansetzen wollte).

Da kann mensch genüsslich ganze Stunden mit zubringen, darüber zu diskutieren :-).

Saint hat gesagt…

Ich unterstelle erstmal jedem, dass er schreiben werden möchte.

Nicht mehr, nicht weniger. Alles was dann kommt, ist eine andere Baustelle.